GUSTAV RITTER VON NEUMANN FLORIN FRICK Was ist nun Historismus? In der Brockhaus-Enzy- klopädie findet man unter dem Begriff Historismus: «2. Kunstgeschichte: der Rückgriff auf histor. Stile, v.a. in der 2. Hälfte des 19. Jh. Der H. wurde bis in die 1960er Jahre weitgehend negativ beurteilt, in- dem man ihm Eklektizismus und Mangel an Ori- ginalität vorwarf. Hingegen sieht die heutige For- schung im Stilpluralismus des H. den Versuch, im Zeitalter des Positivismus Geschichte zu bewahren und das durch die Romantik geweckte Geschichts- bewusstsein in Architektur und Kunst Gestalt wer- den zu lassen. Vorbereitet haben den H. die philo- soph. Ästethik (G.W. F. Hegel) und die frühe Kunst- wissenschaft (C. F. von Rumohr). Gerechtfertigt sah sich der H. durch die wiederholte Restitution der Antike (Renaissance, Klassizismus, Neoklassizis- mus). Historisierende Tendenzen entstanden in der Baukunst erstmals an der Wende zum 17. Jh., dann im frühen und der Mitte des 18. Jh., wobei der Rückbesinnung auf das MA. eine weit über die bil- dende Kunst hinausführende Bedeutung für die Kultur des 19. Jh. zukommt (->• Neugotik). Die seit J. G. Herder wirksame Besinnung auf nationale Kunst wurde zunächst an der Neugotik demon- striert, später wurden Sonderformen histor. Stile (dt. Renaissance, rhein. Romanik, Tudor-Gotik, Pal- ladian. Klassizismus) als nationale Stile gefeiert. Neben nationalen und regionalen Aspekten be- stimmten funktionale Gesichtspunkte die Wahl ei- nes Stils. Für Parlamente, national hervorgehobene Kirchen, Schlösser, gelegentlich für das Wohnhaus galten got. Elemente als angemessen, während kul- turelle Bauwerke (Theater, Oper, Museen) im Stil der Renaissance errichtet wurden (-> Neurenais- sance). Das reich gewordene Bürgertum wählte im letzten Drittel des 19. Jh. den ->- Neubarock als Stil seiner Repräsentationsbauten sowie seiner prunk- vollen Hotels. Für Bahnhofsgebäude wurde häufig die Verbindung von Formen der Neurenaissance mit denen der Hallen der röm. Thermen gewählt. Brücken, Zeugnisse der von Ingenieuren errichte- ten Eisenarchitektur, erhielten Zutaten im Stil der -> Neuromanik. Friedrich Meinecke stellt die These auf, dass der Historismus eine der grössten geistigen Revolu-tionen 
war, die das abendländische Denken erlebt hat. Er sieht jedoch die Gefahr des Historismus darin, dass er «zu einem haltlosen Relativismus» führen kann, dass alle bindenden Moralgesetze ge- leugnet werden können und ein Regime seine will- kürlichen Forderungen als ebenso gültig für heute postulieren kann, wie es die so vieler Regime und Philosophen für Phasen der Vergangenheit gewe- sen waren. Meinecke hat nie aufgegeben, eine Syn- these von Historismus und ethischen Gesetzen zu suchen. Er war der Auffassung, dass zwischen Hi- storismus und Faschismus Beziehungen beste- hen.37 Nach Nikolaus Pevsner ist «Meineckes Histo- rismus» geschichtliches Denken «schlechthin, die Betrachtung geschichtlicher Ereignisse oder Ge- stalten, nicht indem man sie an unabänderlichen Naturgesetzen misst und ihnen danach Wert zu- oder abspricht, sondern indem man die Kategorien ihrer eigenen historischen Individualität als Mass- stab verwendet.»38 Pevsner kam in einem Vortrag im Royal Institute of British Architects am 10. Januar 1961 zu folgender Aussage: «Historismus ist die Tendenz, an die Macht der Geschichte in einem solchen Masse zu glauben, dass ursprüngliches Handeln erstickt und durch ein Tun ersetzt wird, das von einem Präze- denzfall einer bestimmten Zeit inspiriert ist. In die- sem Sinne richtete sich im 19. Jahrhundert, wenn man die Philosophie als Beispiel anführt, das Hauptinteresse der Philosophen auf die Geschichte der Philosophie auf Kosten neuer Systeme; bei der Theologie galt das Hauptinteresse, wieder auf Ko- sten neuer Zusammenhänge, der Geschichte der Theologie. Dass diese Art des Historismus auch die 33) Ferstel, Max: Katholische Kirchen des 19. und 20. Jahrhunderts. In: Kortz. S. 85. 34) a.a.O., S. 85. 35) Evers, Hans Gerhard: Historismus. In: Historismus und bildende Kunst. Hrsg. Ludwig Grote. München, 1965, S. 37f. 36) Brockhaus-Enzyklopädie. Mannheim, 1989, Bd. 10, S. 113. 37) Meinecke, Friedrich: Werke. Hrsg. Carl Hinrichs. Stuttgart, 1959, Bd. 3, S. 4. 38) Pevsner, Nikolaus: Nachwort. In: Grote. S.107L 309
        

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