halten? Verunsicherung griff um sich. Sollten sie gar gänzlich ausmanöveriert werden? In dieser zweifelhaften Lage beschlossen sie, an der wei- teren Wahlhandlung nicht mehr teilzunehmen und damit eine Fortsetzung der Wahl zu verweigern. Die für eine gültige Wahl erforderliche Anwesen- heit von zwei Dritteln der Wahlmänner war nicht mehr vorhanden. Damit hatten die Oberländer nicht gerechnet. Ihre Beteuerungen, dass sie im zweiten Wahlgang nur Unterländer wählen woll- ten, fanden keinen Glauben. So musste diese Wahl abgebrochen werden. Wenige Tage danach, am 4. Mai brachte die «Liechtensteinische Wochenzeitung» einen redak- tionellen Artikel Dr. Rudolf Schädlers mit der Über- schrift «Zu den Wahlen» sowie ein «Eingesandt» von Dr. Albert Schädler.87 Beide verweisen auf den Ernst der durch die Wahlverweigerung entstande- nen Lage. Die Eschnerberger forderten jetzt eine Abänderung des geltenden Wahlgesetzes, um der unteren Landschaft eine bestimmte Anzahl von Ab- geordneten zu garantieren. Sie waren der Mei- nung, dies durch eine blosse Petition an den Für- sten erreichen zu können. Rudolf Schädler aber musste sie aufklären, dass ein neues Wahlgesetz eine Verfassungsänderung und damit einen qualifi- zierten Landtagsbeschluss erfordere und daher zu- erst die Landtagswahl fortgesetzt und abgeschlos- sen werden müsse. «Ohne Wahl kein Landtag, ohne Landtag keine Verfassungs(änderung)».88 Er gab aber auch zu erkennen, dass er einer Abände- rung des Wahlgesetzes unter Umständen zustim- men könnte und verwies zugleich auf die Vor- schläge seines Bruders Albert, welche dieser in der gleichen Nummer der «Liechtensteinischen Wo- chenzeitung» formulierte: «Denn auch das Unter- land soll nach dem Verhältnisse seiner Bevölke- rungsanzahl ebensogut wie das Oberland seine Vertretung erhalten... Es liegt im hohen Interesse unseres Landes, dass die Wahl bald zu Ende ge- führt werde... Als Grundlage wäre wohl das frü- here Verhältnis, wonach bei den vom Volke ge- wählten 12 Abgeordneten fast durchwegs 8 auf das Oberland und 4 auf das Unterland kamen, zu neh- men ... Damit auch Männer, die das Vertrauen der 
unterländischen Wahlmänner besitzen, zur defini- tiven Wahl kommen, so dürfte es am Platze sein, wenn die Wahlmänner des Unterlandes 6-7 Abge- ordnete aus ihrer Mitte wählen, aus welcher An- zahl dann die Oberländer 4 zu bestimmen hätten, um beim eigentlichen Wahlakte auch für dieselben einzutreten».89 Das war ein erster Vorschlag. Doch das vorgeschlagene Verhältnis von 8:4 wurde von den Unterländern als nicht dem Verhältnis der Be- völkerungszahl entsprechend abgelehnt.90 Zusätz- lich wurde die Forderung gestellt, das Münzgesetz für die folgenden 3 Jahre nicht mehr vor den Land- tag zu bringen. Es gab aber kein Gremium, welches über das Hin und Her der Vorschläge hätte ent- scheiden können. Da schaltete sich im Juni 1877 die Regierung ein, um die Fortsetzung der am 30. April unterbroche- nen Wahl wieder möglich zu machen und damit die schwere staatspolitische Krise zu beenden. Auf Vorschlag der Regierung wurde aus den Wahlmän- nern jeder Gemeinde ein Vertrauensmann gewählt. Diese Vertrauensmänner bestimmten dann aus ih- rem Kreis einen Verhandlungsausschuss von je drei Personen für das Ober- und Unterland. Dem Verhandlungsausschuss gehörten an: für das Ober- land Dr. Rudolf Schädler, Vaduz, Landestierarzt Christoph Wanger, Schaan und Wendelin Erni, Triesen; für das Unterland Joh. Georg Hasler, Eschen, Franz Josef Kind, Gamprin und Lehrer Franz Josef Ritter, Mauren. Lehrer Ritter wurde in der ersten Sitzung am 8. Juli 1877 zum Vorsitzen- den und Dr. Rudolf Schädler zum Protokollführer gewählt. Nach der zweiten Sitzung dieses Aus- schusses konnte dann die «Liechtensteinische Wo- chenzeitung»91 die Übereinkunft melden, dass er- stens zur Vollendung der abgebrochenen Wahl 5 von den Unterländer Wahlmännern vorgeschla- gene Abgeordnete gewählt werden sollten und dass zweitens im nächsten Landtag das Wahlgesetz da- hingehend abgeändert werde, dass in Zukunft das Verhältnis der zu wählenden 12 Abgeordneten mit 7 für das Oberland und 5 für das Unterland festge- legt werde. Nach der Verabschiedung dieses neuen Wahlgesetzes, das eine Änderung der Verfassung bedeutete, sollten sofort Neuwahlen stattfinden. 172
        

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