Gleich auf den ersten Seiten begegnen uns im Frühjahr 1885 im ganzen 17 Fälle der so gefähr- lichen «schwarzen Blattern» oder Pocken in Seve- len, Räfis und Burgerau. Die Pocken waren im Frühjahr 1885 im St. Galler Rheintal30 und in Vor- arlberg und dort besonders in Feldkirch epide- misch aufgetreten. In Liechtenstein wurde die Be- völkerung zur Nachimpfung aufgerufen, eine Gele- genheit, welche eifrig benützt wurde. Dr. Schlegel zeigte an,31 dass er «ab den nächsten Tagen mit fri- scher Kälberlymphe» impfen könne und Dr. Rudolf Schädler brachte eine Zeitungsanzeige,32 dass er anlässlich der obligatorischen Impfnachschau in den Gemeinden Vaduz, Triesen, Balzers und in sämtlichen unterländischen Gemeinden «jeder- mann, welcher sich mit Rücksicht der drohenden Pockengefahr einer Nachimpfung unterziehen wol- le, unentgeltlich impfe». In einem Brief33 aus dieser Zeit ist dann zu lesen: «Alt und Jung eilte zum Doc- tor um sich impfen zu lassen.» In Liechtenstein tra- ten einige sporadische Fälle von Pocken im Unter- land, und hier vor allem in den Gemeinden Eschen und Ruggell, auf. Sie forderten immerhin zwei To- desopfer.34 Es ist dem in Liechtenstein strikt durch- geführten Impfobligatorium35 zuzuschreiben, dass keine Person unter 14 Jahren an den Blattern er- krankte36 und dass keine Ausweitung zu einer Epi- demie erfolgte. Das Jahr 1885 brachte aber nicht das letzte breitere Auftreten der Pockenerkrankung in unserer näheren Umgebung. Noch einmal befiel sie im Winter und Frühjahr 1906 zahlreiche Perso- nen im St. Galler Rheintal und in Vorarlberg. Be- sonders betroffen waren Diepoldsau und Lustenau, wo es auch viele Todesfälle zu beklagen gab. Liech- tenstein blieb diesmal von einer Einschleppung der Blattern gänzlich verschont. Die Regierung hatte in den «Fabriksbetrieben und Stickereien» eine Durchimpfung angeordnet37 und eine Nachimpfung auch bei der übrigen Bevölkerung empfohlen.38 Insgesamt Hessen sich bei dieser Aktion 3680 erwachsene Personen nachimpfen.39 Ernsthafte Impfzwischenfälle gab es dabei nicht. Kinder und Jugendliche waren aufgrund des Obligatoriums im ersten und zwölften Lebensjahr geimpft worden und damit vor der Krankheit geschützt. 
Das im Jahre 1812 in Liechtenstein eingeführte Impfobligatorium gegen die Pocken wurde noch bis in die zweite Hälfte unseres Jahrhunderts beibe- halten. Heute gehören die Blattern dank der welt- weiten Impfaktionen der Weltgesundheitsorganisa- tion (WHO) zu den ausgestorbenen Krankheiten.40 Das Arztjournal der beiden Doktoren Schädler gibt uns aber noch manchen weiteren Aufschluss über Erkrankungen und die Art ihrer Behandlung. Zu den häufigsten Krankheiten gehörte im ganzen 19. Jahrhundert die Tuberkulose41 in ihren ver- schiedenen Formen und Lokalisationen. Die Be- handlung erschöpfte sich meistens in der Anwen- dung von Stärkungsmitteln, hustenstillenden Arz- neien und, wo nötig, in der Schmerzbekämpfung. Auch Lebertran wurde gerne verabreicht. Als er- sten Hinweis auf die damals aufkommende Klima- therapie finden wir im Jahr 1886 den Aufenthalt einer Frau mit Lungentuberkulose auf Gaflei. Die zahlreichen Fälle, die als Skrophulose bezeichnet werden, dürfen wir ebenfalls der Tuberkulose zu- rechnen. Es ist festgestellt worden,42 dass die Erkrankung an Tuberkulose im Jahrzehnt zwischen 1880 und 1890 einen Höhepunkt erreichte. So starben in Va- duz in diesem Jahrzehnt von insgesamt 250 Men- schen 51 oder rund 20% an der Tuberkulose. In Triesen waren es gar 22 % der Verstorbenen. Zwi- schen 1890 und 1900 betrug das Verhältnis für Va- duz und Triesen je etwa 15 % der 238 bzw. 236 Ge- storbenen.43 Dr. Rudolf Schädler glaubte die Beob- achtung gemacht zu haben, dass im Oberland die Zahl der Tuberkulosekranken relativ höher war als im Unterland. Meine Überprüfung der Todesursa- chenstatistik ergab aber, dass die Sterberate an Tu- berkulose im Dezennium 1890-1899 im Oberland wie im Unterland annähernd gleich hoch war. Ganz allgemein darf man aber sagen, dass Unterernäh- rung, einseitige und falsche Essgewohnheiten und die dadurch bedingte körperliche Schwächung die Ansteckung mit Tuberkulose begünstigten. Und da man in der Bevölkerung den Übertragungsweg der Krankheit nicht kannte, wirkte sich auch die man- gelnde Hygiene verheerend aus. 160
        

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