VERWALTUNGSSTRUKTUR UND VERWALTUNGSREFORMEN VERHÄLTNIS STAAT - KIRCHE / PAUL VOGT wartete er klare Anweisungen, wie er sich gegen- über den Geistlichen zu verhalten habe.35 Die Antwort der Hofkanzlei macht deutlich, dass Fürst Johann I. grundsätzlich bereit war, von den josephinischen Grundsätzen in der Kirchenpolitik abzugehen. Sie erklärte, Fürst Johann I. habe in dieser Angelegenheit persönlich entschieden, dass sie «noch durch ein Jahr zu pausieren» habe, wor- aus die Hofkanzlei schloss: «Das fürstliche Ober- amt muss sich daher in diesem Betreffe vor der Hand als nicht speziell instruiert ansehen.» Erb- prinz Alois habe vorgeschlagen, «dass es gut seyn möchte, wenn der fürstliche Landvogt einmal selbst nach Chur fahren und dort bei dem Herrn Bischof mündlich den Versuch machen würde, ob es nicht möglich wäre, über alle mit der römischen Curie strittigen Punkte eine gütliche Vereinigung oder Concordat, wie man es immer nennen will, zu Stande zu bringen.»36 Landvogt Pokorny reiste dar- auf nach Chur. Über das Ergebnis seiner Unterre- dung mit dem Bischof berichtete er der Hofkanzlei, der Bischof wolle die im Fürstentum geltenden österreichischen Gesetze «nur in so weit anerken- nen, als sie den kirchlichen Schriften, den früher immer geübten bischöflichen Rechten und sonsti- gen Übungen nicht entgegen laufen.» Das nach österreichischen Grundsätzen modifizierte Kirchen- und Eherecht verwerfe er ganz.37 Unter Fürst Alois II. und Landvogt Michael Menzin- ger wurden die Differenzen zwischen Staat und Kirche schliesslich dadurch beseitigt, dass die kirchlichen Rechte stillschweigend akzeptiert wur- den. Fürst Alois II. bemühte sich stets um ein gutes Verhältnis zur Kirche. Anlässlich seines ersten Be- suches im Fürstentum im Jahre 1842 stattete er auch dem Bischof in Chur einen Besuch ab. Fürst Alois II. begann auch, sich direkt mit dem Bischof zu verständigen und nicht mehr auf dem Weg über das Oberamt in Vaduz.38 Dass Fürst Alois II. eine gütliche Verständigung mit dem Bischof anstrebte, zeigte er in einem persönlichen Schreiben, in dem er Bischof Caspar de Carl zu seiner Ernennung be- glückwünschte. Alois II. bedankte sich für die ge-neigte 
Gesinnung des Bischofs und drückte für den Fall, dass die Interessen beider Seiten bei der Wah- rung ihrer Rechte aufeinanderprallen sollten, die Hoffnung aus, dass «Worte des Vertrauens verhin- dern werden, dass unserm redlichen Zusammen- wirken für das Gute Eintrag gethan werde.»39 Die Abwendung von den josephinischen Grundsät- zen in der Kirchenpolitik drückte sich auch darin aus, dass sich Landvogt Menzinger auf den Stand- punkt stellte, das österreichische Kirchenrecht sei nie «förmlich» in Liechtenstein eingeführt worden. Aus seiner Sicht war daher das kanonische Recht nach wie vor gültig.40 In der Frage der Ehehinder- nisse ging man nach kanonischem Recht vor; Ehe- scheidungen waren zwar auf Grund des abGB wei- terhin möglich, wurden aber von der Kirche nicht anerkannt.41 Peter Kaiser kommentierte 1843 das 27) Menzinger an Ignaz Wenzel am 30. September 1858. LLA RC 107/136. 28) Verordnung betr. polit. Ehekonsens vom 14. 10. 1804. Abge- druckt bei Alois Ospelt, Anhang, S. 70. 29) Verordnung betr. Erteilung von Verehelichungslizenzen vom 12. November 1842. Gedruckt bei Alois Ospelt, Anhang, S. 70. 30) Schädler, Tätigkeit, JBL 1903, S. 20. 31) Verordnung betr. Erteiligung von Verehelichungslizenzen vom 15. Juli 1841. Abgedruckt bei Alois Ospelt, Anhang, S. 79. 32) Oberamtsverordnung vom 10. 2. 1810. LLA RC 86/41. 33) Schuppler an den Bischof von Chur am 2. Mai 1811. LLA RB Fasz. G 1. 34) Vgl. Malin, S. 61 und Quaderer, S. 123 ff. 35) OA an Fürst am 12. 2. 1828. LLA RC 5/31. 36) HK an OA am 7. April 1828. LLA RC 5/31. - In Österreich wurde das Verhältnis zwischen Staat und Kirche erst 1855 durch ein Kon- kordat geregelt, wobei der Staat der katholischen Kirche weitge- hende Rechte einräumte. In Liechtenstein fanden 1858 ebenfalls Vorarbeiten zu einem Konkordat statt, doch wurde dieses nie abge- schlossen. 37) Pokorny an Fürst am 10. Dezember 1828. LLA RC 5/31. 38) Wille, S. 46. 39) Fürst Alois II. an Bischof Caspar de Carl am 4. Februar 1844. LLA RC 78/23. 40) Menzinger an Fürst am 24. November 1846. LLA NS. 41) Menzinger an Ignaz Wenzel am 30. September 1858. LLA RC 107/136. 121
        

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