VERWALTUNGSSTRUKTUR UND VERWALTUNGSREFORMEN VERHÄLTNIS STAAT - KIRCHE / PAUL VOGT bei der Besetzung der Pfarrstellen ausweiten konn- te (etwa in Zusammenhang mit einem Verzicht der Grundherren auf die Patronatsrechte) oder ob eine der beiden Quellen die rechtliche Lage ungenau be- schrieb. Beide Quellen machen aber deutlich, dass die landesfürstliche Obrigkeit keinen Einfluss auf die Besetzung der Pfarrstellen nahm, wenn nicht der Landesfürst Patronatsherr der betreffenden Pfarrei war. In der Praxis bestimmte das bischöf- liche Ordinariat die Pfarrer, da es bei seinem Drei- ervorschlag dem Patronatsherrn anzeigte, welcher Pfarrer seiner Ansicht nach der geeignetste war.9 Die Geistlichen bildeten nicht nur nach der Verfas- sung von 1818 einen eigenen Stand, sondern wur- den auch von den Untertanen kraft der Autorität ihres kirchlichen Amtes als eine herausgehobene Sozialgruppe empfunden. 1858 schrieb Landesver- weser Menzinger: «Die Bevölkerung ist übrigens der katholischen Religion mit Treue anhänglich, achtet und liebt den Priesterstand, wenn er reinen Wandels ist, seinem Berufe nachkommt, und seine Achtung nicht vergibt.»10 Die Einkommen der Pfar- rer, die zum Teil aus den Zinsen der Kirchenkapita- lien und zum Teil aus den Zehnten bestanden, be- zeichnete er «durchschnittlich (als) anständig, mit- unter sehr gut». Auf jeden Fall seien die liechten- steinischen Benefizien weit besser dotiert als jene in Graubünden und sollten daher an liechtensteini- sche Priester vergeben werden. Die jährlichen Ein- künfte der Pfarrer schätzte er auf 600 bis 1200 Gulden, die Einkünfte der Hilfsgeistlichen auf 400 bis 800 Gulden.» Diese Zahlen zeigen, dass die Pfarrer ebenso gute und zum Teil sogar grössere Einkommen erhielten als die fürstlichen Beamten. Die guten Einkommen der Geistlichen waren jedoch nur so lange gesi- chert, wie die Zehnten nicht abgelöst wurden. Von grosser Bedeutung für die unabhängige Stel- lung der Kirche war der Umstand, dass die Kirche jede staatliche Einmischung in die Verwaltung der Kirchenvermögen verhindern konnte. 1808 und 1824 ordnete die Hofkanzlei nach österreichischem Vorbild an, dass alle Kirchenvermögen der Ober- aufsicht des Staates unterstellt und die Kirchen-rechnungen 
dem Oberamte jährlich zur Revision vorgelegt werden sollten.12 Wären diese Verord- nungen durchgeführt worden, hätte daraus eine tatsächliche Kontrolle der Kirche durch den Staat resultieren können. Landvogt Schuppler legte 1824 der Hofkanzlei die Gründe dar, warum das Ober- amt auf eine solche Kontrolle verzichtete: Er be- fürchtete, dass dadurch ein Präjudiz geschaffen werden könnte, vom Landesherrn höhere Beiträge bei Kirchenbauten zu verlangen.13 Er schlug vor, 4) Geiger, S. 116; Wille, S. 48. 5) J.G. Marxer, Das liechtensteinische Priesterkapitel, S. 61 ff. 6) Die Patronatsrechte der Pfarrei Balzers gehörten bis 1824 den Erzherzogen von Österreich, später der Gemeinde Balzers. In Trie- senberg, das seit 1768 eine eigene Pfarrei bildet, und in Triesen war der Landesfürst Patronatsherr, in Schaan das Churer Domkapitel, in Mauren die Stadt Feldkirch, in Eschen verfügte bis 1838 das Kloster Pfäfers über die Patronatsrechte, nach dessen Aufhebung durch den Kanton St. Gallen gingen diese Recht an den Fürsten über. In Ben- dern war bis 1801 das Kloster St. Luzi Patronatsherr, von 1804 bis 1806 Österreich, von 1806 bis 1814 Bayern, von 1814 bis 1876 der k. k. österreichische Domänenfonds. Vaduz wurde 1842 eine Kuratie unter dem Patronat des Landesfürsten, 1873 wurde es zu einer eige- nen Pfarrei. Ruggell wurde 1854 ebenfalls eine Kuratie unter dem Patronat des Landesfürsten und 1873 eine eigene Pfarrei. 1873 wurde auch Schellenberg eine eigene Pfarrei. Damit war jede politi- sche Gemeinde mit Ausnahme der kleinen Berggemeinde Planken eine eigene Pfarrei. Quellen: Quaderer, S. 123; J.G. Marxer, Das liechtensteinische Priesterkapitel, S. 64 ff; Bericht Menzingers an Ignaz Wenzel vom 30. September 1858. LLA RC 107/136. 7) J. B. Büchel, Geschichte der Benderer Pfarrei, S. 96. 8) Menzinger an Ignaz Wenzel am 30. September 1858. LLA RC 107/136. 9) Vgl. dazu die Arbeiten von J. B. Büchel über die Geschichte der liechtensteinischen Pfarreien, insbesondere Bendern, S. 99 ff. - Schwierigkeiten bei der Besetzung der Pfarrstellen ergaben sich nur dort, wo Österreich die Patronatsrechte besass und vorarlbergische Priester einzusetzen suchte. J.B. Büchel, Bendern, S. 88 und Mau- ren, S. 100. 10) Menzinger an Ignaz Wenzel am 30. September 1858. LLA RC 107/136. 11) ebda. - Tabelle S. 116. 12) Dienstinstruktion von 1808, Art. 10. LLA. RB Gl. Am 6. April 1824 befahl die HK gar, dass die Kirchenrechnungen durch die Buchhaltung in Butschowitz revidiert werden sollten. LLA RB Fasz. B 2. 13) Schuppler erwähnte vor allem Mauren, wo ein Kirchenneubau bevorstand, Österreich als Patronatsherr aber nicht für die Kosten aufkommen wollte. OA an HK am 19. Juni 1824. LLA RB Fasz. B 2. 117
        

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