GLÜCK IN DER FREMDE? REZENSION rungspolitik Vorarlbergs im 19. Jahrhundert und zeigt dann die Ausmasse und Strukturen der Aus- wanderung auf. Änderungen in der Auswande- rungsgesetzgebung folgend, teilt Hämmerle die Auswanderungsbewegung in drei Phasen ein: 1815 bis 1832, 1833 bis 1867 und 1868 bis 1914. In den Jahren 1853 und 1909 bis 1912 erreichte die Aus- wanderung aus Vorarlberg zahlenmässige Höhe- punkte. Aber gemessen an der Gesamtbevölkerung wanderten auch in diesen Spitzenjahren kaum ein halbes Prozent der Vorarlberger aus. Um die Jahr- hundertwende war Vorarlberg gar ein Einwande- rungsland: Mehr Menschen liessen sich in Vorarl- berg nieder als von dort wegzogen. Hämmerle führt aus, dass in bezug auf Österreich der Anteil der Vorarlberger mit teilweise 10 Prozent recht hoch war. Von den deutschsprachigen Österrei- chern des alten österreichisch-ungarischen Reiches verliessen jedoch die Burgenländer die Heimat in grösster Zahl. In Chicago gibt es seit 1956 eine Bur- genländer Gesellschaft. Es gibt auch kleinere Stei- ermärker und Tiroler Clubs; ein Vorarlberger Ver- ein ist mir keiner bekannt. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts wan- derten noch die meisten Vorarlberger ins benach- barte Ausland oder nach Frankreich aus. Zum Bei- spiel Johannes Baur (1795-1865), der Gründer der exklusiven Baur Hotels in Zürich (Baur au Lac, Baur en Ville), war 1828 von Götzis nach Zürich emigriert. Viele Bauhandwerker zogen während Jahrzehnten nach Frankreich. Vereinzelt gelangten Vorarlberger auch nach Liechtenstein. Bei diesen «Auswanderern» handelte es sich zumeist um Frauen oder Männer, die sich mit einem Liechten- steiner oder einer Liechtensteinerin verheirateten. Ab Mitte des Jahrhunderts avancierte Amerika zum Hauptauswanderungsziel der Vorarlberger. Die meisten Auswanderer von 1853 zogen nach den USA, ein Grossteil davon in den Mittleren We- sten, zum Beispiel in die Städte Milwaukee, Dubu- que und St. Paul, wo sich auch die Liechtensteiner vorzugsweise niederliessen. Nach der chronologischen Analyse der Auswande- rung wendet sich Hämmerle demographischen und soziologischen Kriterien zu. Er erfasst die Auswan-derer 
nach Vermögensverhältnissen und Berufs- sparten und stellt fest, dass die grösste Zahl der Auswanderer zu den Mittellosen oder fast Mittello- sen zu zählen ist. Ein Grossteil der Auswanderer stammte aus dem Montafon und dem Bregenzer- wald. Viele von ihnen waren Bauern oder einfache I Iandwerker, denen es nicht möglich war, in Vorarl- berg eine eigene Existenz aufzubauen. Solange man noch um eine Auswanderungsbewilligung an- suchen musste (bis 1867), konnten vor allem är- mere Bürger legal emigrieren. Vermögende, tüch- tige junge Männer wollte man nicht aus dem Ge- meindeverband entlassen. Bevor die Bewilligung zur Auswanderung erteilt wurde, holten die zu- ständigen Ämter jeweils Leumundszeugnisse und Informationen über die finanzielle Situation des Gesuchstellers ein. Die Behörden versuchten auch immer wieder zu verhindern, dass sich Wehrpflich- tige durch Auswanderung dem Militärdienst entzo- gen. Nicht selten diente die Auswanderungsbewilli- gung dazu, mittellose Einwohner, die später einmal der Kommunität zu Last fallen könnten, loszuwer- den. In vereinzelten Fällen wurden unliebsame Mitmenschen auch abgeschoben. Hämmerle führt das Beispiel von Franz Sales Hämmerle an, der, nachdem er mehrmals vergeblich zur Zwangsar- beit verdonnert worden war, 1883 nach Amerika verschifft wurde. Via Subskriptionsliste sammelte die zuständige Gemeinde Lustenau in der Bevölke- rung Geld, mit dem seine Überfahrt bezahlt wurde. In der Schweiz wurde diese Art von Abschiebung allerdings viel öfter und in grösseren Ausmassen praktiziert. Hämmerle illustriert seine Analysen mit zahlrei- chen Beispielen. Allerdings sind viele der Beispiele sehr kurz, auf biographische Angaben, Auswande- rungsgrund und -daten beschränkt. Im zweiten Teil des Buches, dem Teil über die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten, sind einige Auswanderer- schicksale ausführlicher dargestellt. Hämmerles Arbeit hätte aber von eingehenderen Fallbeispielen profitiert. Detaillierte exemplarische Schilderungen hätten das Buch anschaulicher gemacht. Eine Ad- dition von kurzen Beispielen macht die Vorstellung von einem Thema nicht unbedingt deutlicher; ein 213
        

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