DR. MED. WILHELM SCHLEGEL - ARZT UND POLITIKER RUDOLF RHEINBERGER fen; warum uns gegenüber ein anderes Verfahren beobachten und warum eventuell die Ersatzmän- ner nicht einberufen?141' Zudem wurde die Wahlverhandlung, der wir un- sere Mandate verdanken - die Wahl vom 30. April - nicht fortgesetzt, wie der § 79 der Verfassung vorschreibt; das Terrain auf dem die Revoluzer zu ihrem Ziel gelangen sollten, musste erst aufge- sucht und bearbeitet werden . . . Es ist eine harte und vor allem unversöhnliche Sprache, welche Dr. Schlegel und seine Freunde sprechen. Jeder Kompromiss wird weit weggewie- sen. Die Frage nach der Verfassungsmässigkeit des ausgehandelten Kompromisses durfte aber wohl mit Recht gestellt werden. Und doch, ohne Kom- promiss war aus der Sackgasse der Wahlverweige- rung der Unterländer nicht herauszukommen. Wa- ren nicht die Oberländer Wahlmänner durch ihr Wahlverhalten im ersten Wahlgang am 30. April mitschuldig an der verworrenen Situation? In der Landtagssitzung vom 27. November 1877 wurde Dr. Rudolf Schädler zum Präsidenten ge- wählt. War er zunächst in den Landtagsverhand- lungen ein strenger Verfechter der Goldwährung gewesen, so hatte er dann im Verlaufe des Som- mers 1877 als Redaktor der «Liechtensteiner Wo- chenzeitung» eine flexiblere Haltung gezeigt als die Männer um Dr. Schlegel. Er trat für eine möglichst rasche Entspannung der politischen Lage ein. So konnte denn der neue Landtag, der von vorneher- ein nur als Übergangsparlament gedacht war, an seine Hauptaufgabe herantreten, eine neue Wahl- ordnung zu schaffen, durch welche für das Ober- land wie für das Unterland je eine fixe Zahl von Ab- geordneten garantiert war. Praktisch führte dies zur Schaffung von zwei getrennten Wahlkreisen. Wie schwer einigen Oberländer Abgeordneten die- se Abänderung der Verfassung fiel, zeigt die Mei- nung des Berichterstatters der Gesetzeskommis- sion Hptm. Rheinberger: «Es ist diese Änderung die Frucht eines vorausgegangenen erbitterten Kampfes der Bevölkerung zweier Landesteile. Wir kommen durch die fragliche Verfassungsänderung der unnachgiebigen Forderung von zwei Fünfthei-len 
der Landesbewohner entgegen.»143 Das Ober- land zählte i.J. 1880 5213, das Unterland 2882 an- wesende Einwohner.144 Das geänderte Wahlgesetz wurde in der Landtags- sitzung vom 31. Januar 1878 einstimmig angenom- men. Es mussten jetzt von 100 Oberländer Wahl- männern 7 Abgeordnete und von 60 Unterländer Wahlmännern 5 Abgeordnete gewählt werden. Dazu kamen die vom Fürsten ernannten Abgeord- neten, zwei für das Oberland und einer für das Un- terland. In den nun folgenden Neuwahlen am 15. Mai 1878 wurde Dr. Wilhelm Schlegel mit der hohen Zahl von 71 Wahlmännerstimmen145 wieder- gewählt und abermals zum Landtagspräsidenten bestimmt. Dr. Rudolf Schädler aber zog sich in der Folgezeit ganz aus der Politik zurück. Die Mandatsperiode von 1878 bis 1882 verlief poli- tisch ruhig. Die wichtigsten Arbeiten des Landtages betrafen ein neues Steuergesetz i.J. 1879 und eine Strafgesetznovelle i.J. 1881, durch welche das schon 1874 von Dr. Rudolf Schädler verlangte öf- fentliche und mündliche Strafverfahren eingeführt wurde. Ein Landtagsbeschluss sicherte die Kosten- übernahme für Massnahmen gegen die Pocken- krankheit146 durch den Staat. Die Wahlen vom Jahr 1882 hatten einen Wechsel im Landtagspräsidium zur Folge. Während Dr. Al- bert Schädler mit der höchsten Zahl von 72 Stim- 137) Kessler war als Bürgermeister nach Sigmaringen berufen worden. 138) Liecht. Wochenzeitung, v. 28. Dez. 1877, Nr. 52 139) LLA Landtagsakten, Protokoll v. 27. 11. 1877 140) Das Schreiben war von der Regierung angefordert, jedoch nach einem Vermerk von Hausens «nach genommener Abschrift» wieder zurückgestellt worden. LLA RE 1877/184 141) FamARh H 10, Abschrift des Schreibens von der Hand Peter Rheinbergers 142) Gemeint ist hier die Wahl von Dr. Rudolf Schädler. 143) LLA Landtagsakten, Kommissionsbericht, Sitzg. v. 31. Jan. 1878 144) Ospelt, Alois: Wirtschaftsgeschichte des Fürstentums Liechten- stein im 19. Jh. In: JBL 72 145) LLA Landtagsakten und Vogt, Paul: 125 Jahre Landtag. S. 192 146) In Vaduz war 1881 ein Pockenfall aufgetreten (eingeschleppt aus Le Locle). 197
        

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