DR. MED. WILHELM SCHLEGEL - ARZT UND POLITIKER RUDOLF RHEINBERGER chen keine Moralpredigten, wir müssen Geld ha- ben und zwar viel Geld, wenn wir unseres Länd- chens Untergang verhüten wollen». Und um die- sen, den Untergang handelt es sich, nicht um Mil- derung einer augenblicklichen Not. Diese kennen wir und haben sie schon durch Dutzende von Jah- ren zu erlragen gelernt, wie nicht bald ein anderes Volk. Aber den Untergang, den Ruin, sucht ein Staat, wie der einzelne Mensch so lange von sich abzuwehren, als er kann und zwar mit allen Mit- teln. Grössere und mächtige Staaten führen zu dem Zwecke Krieg, bringen Menschen um und ver- heeren Länder und Städte, was eine Spielbank am Ende denn doch nicht tut. Mit der Gefahr, von der uns der Untergang droht, meine ich den Rhein. Er wird uns jetzt von Jahr zu Jahr, von Monat zu Mo- nat fürchterlicher. Denn die Schweiz baut schon seit einigen Jahren mit Hülfe von Millionen, welche die Eidgenossenschaft hergibt, mit solcher restlo- sen Energie am Rhein vorwärts, dass sie binnen ganz weniger Jahre mit ihren Schutzbauten fertig sein wird. Diese werden so fest und hoch, dass sie vielleicht auf 50 Jahre hinaus vor einem Rheinein- bruch sicher sein werden und sie, wenn es uns nicht gelingt ähnliche Schutzbauten aufzuwerfen, wohl immer Ruhe haben werden. Denn es ist nur natürlich, dass der Rhein dort einfällt, wo er weni- ger Widerstand findet und das ist auf unserer Sei- te der Fall. Wenn wir ihn aber einmal herinnen ha- ben, so werden wir ihn schwerlich, oder nur mit ungeheuerer, übermenschlicher Anstrengung mehr hinausbringen, weil das Rheinbett höher liegt, viel- leicht 1 Klafter109 höher als das hinterliegende Land. Und dies bezwecken auch unsere Nachbarn, denn sie rechnen, wenn der Rhein einmal in unse- rem Land sein tieferes Bett gefunden, werden sie wohl für immer vor ihm sicher sein. Sodann ist das gegenwärtige, seit 5 Jahren ange- nommene, uns so verderbliche, schweizerische Wuhrsystem auch vertragswidrig, weil sich beide Staaten in den Jahren 1836 und 1847 durch Ver- träge gebunden haben, auf welche Art die Rhein- korrektion durchgeführt werden solle. Wir haben dagegen protestiert und sie haben uns höhnisch geantwortet (nämlich der Kanton St. Gallen), dass 
sie sich an den Vertrag nicht mehr halten können, weil sie sich dadurch zu bedroht fühlen. Der Bun- desrath, an den wir uns daher beschwerend ge- wendet, bedauerte, nicht helfen zu können. Und nun, liebe Fanny, ist es nicht unehrenhafter, auf diese Art einen rechtsgültigen Vertrag zu brechen, als wenn der andere, wehrlose Theil, der nirgends Hilfe findet, die Konzessionierung einer Spielbank anstrebt? Wären wir Preussen, wir dürften wohl nicht um eine Spielbank betteln, um uns der Schweizer und des Rheins zu erwehren. Du wirst sagen, schliesst Euch Österreich an. Doch, Österreich ist zwar gross, hat aber auch kein Geld und wäre wahrscheinlich auch nicht bereit, sich ein Land zu annektieren, wo es gleich in den ersten paar Jahren einige Hunderttausende hinein- stecken müsste. Oder den Fürsten angehen, dass er uns hilft? Da kommen wir auf Peter"" zu reden. Als Ingenieur und als Praktiker, der sich schon viele Jahre mit dem Rhein herumgeschlagen hat, hat er die Gefahr schon früher erkannt als die andern und auch dar- auf aufmerksam gemacht. Aber er hat nicht genug Gehör gefunden, besonders dort, wo es am meisten hätte geschehen sollen, nämlich oben, wo sein Warnen lästig gefunden wurde. Voriges Jahr aber drang er mit einem Antrag halbwegs durch, zur Be- schleunigung der Wuhrbauten1" ein Anlehen auf- zunehmen und zwar etwa 200 000 fl - natürlich 103) LLA Landtagsakten, Prot. v. 19. Juni 1872 104) LLA Landtagsakten, Prot. v. 31. Juli 1872 105) LLA Landtagsakten. Kommissionsbericht 1061 RhAV IX/2, Brief Amalie Rheinberger an Fanny Rheinberger v. 8.11. 1872: «. . . sogar unser weiser und kluger Dr. Schlegel trieb diesmal seine Vorsicht zu weit, indem er eiligst zu seinem Hausherrn lief, um mit ihm seiner Wohnung halber einen Contract auf 10 Jahre abzuschliessen, da er Wohnungstheuerung und Zinsorhöhung (wegen grosser Nachfrage infolge der Spielbank) fürchtete . . .» 107) LLA Landtagsakten, Protokoll v. 16. Nov. 1872, RhAV 108) David Rheinberger an Fanny, Brief v. 26. 11. 1872, RhAV 109) 1 (Wiener) Klafter = 1,89 Meter 110) Peter = Landestechniker Peter Rheinberger, Bruder von David 111) Wuhr = Hochwuhr 187
        

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