von Fall zu Fall von den praktischen Ärzten wahr- genommen werden könnten.103 Doch spielten dabei mit Sicherheit auch persönliche Animositäten ge- gen Dr. Schlegel eine Rolle. Vor der Abstimmung in der Landtagssitzung vom 19. Juni 1872 gab es nochmals eine längere Debatte darüber. Die Ab- stimmung endete dann mit 6 Stimmen für die Ab- schaffung und 5 Stimmen für die Beibehaltung so- wie 3 Enthaltungen. In der nächsten Sitzung vom 31. Juli 1872 entspann sich nochmals eine Debatte über die Abschaffung des Physikats. Doch die Mehrheit war nicht bereit, auf den Beschluss vom 19. Juni zurückzukommen. Dr. Schlegel hatte sich für diese Sitzung vom 31. Juli entschuldigen las- sen.104 Für den Ausfall des Amtsarztes gestand der Landtag im nun beschlossenen Sanitätsgesetz der Regierung das Recht zu, als «Vollzugsorgan zur Handhabung der Medizinalpolizei die ansässigen Ärzte nach ihrem Ermessen zu verwenden und die- selben nach Bedarf beizuziehen».'05 EINE SPIELBANK IM LANDE? Im Herbst desselben Jahres 1872 erregte die soge- nannte Spielbankangelegenheit landauf landab die Gemüter. Was war geschehen? Im Oktober hatte der Rhein ein gefährliches Hochwasser gebracht, das vor Augen führte, wie sehr die liechtensteini- schen Rheinverbauungen gegenüber den schweize- rischen Hochwuhrbauten im Rückstand waren. Der Landestechniker legte dem Landtag ein Gutachten über eine Gesamtverbauung der liechtensteini- schen Rheinstrecke vor, deren Kosten er mit 800 000 bis 1 Million fl bezifferte. Doch es schien unmöglich, auch nur einen Bruchteil dieser Summe aufzubringen. Da wurde bekannt, dass die Spiel- bankgesellschaft von Baden-Baden bei der Regie- rung in Vaduz um eine Konzession nachgesucht und dafür 8 Millionen Franken geboten hatte, eine Summe, die das Zehnfache von dem darstellte, was man für die gesamte Rheinverbauung benötigte. Die ganze Bevölkerung war in helle Aufregung und Euphorie geraten. Man sah ungeahnte Verdienst- möglichkeiten und paradiesische Zustände vor 
sich. Niemand blieb von diesem Fieber verschont, auch die Mitglieder des Landtages und sein Präsi- dent Dr. Schlegel""' nicht. Beim Landtag gingen 11 gleichlautende Petitionen der Gemeinden ein, die von nahezu allen stimmfä- higen Bürgern unterschrieben waren und den Landtag aufforderten, alles zu tun, um eine Kon- zessionierung der Spielbank zu ermöglichen. In der Sitzung vom 16. November 1872 beschloss dann der Landtag, das Spielbankregal im Lande einzuführen und den Fürsten zu bitten, diesem Be- schluss seine Einwilligung zu erteilen. Eine Land- tagsdeputation sei an den Fürsten abzuordnen. Die Mitglieder dieser Delegation wurden auch gleich gewählt: als Leiter der Landtagspräsident Dr. Wil- helm Schlegel und als weitere Delegierte Landes- tierarzt Christoph Wanger und Landestechniker Peter Rheinberger.107 Drei Briefe von Männern, die unmittelbaren Ein- blick in jene Geschehnisse hatten oder daran direkt beteiligt waren, zeigen die Hintergründe der Vor- gänge von damals eindrücklicher, als es jede son- stige Schilderung vermag. Der erste Brief08 stammt von Regierungssekretär David Rheinberger und ist an seine Schwägerin Fanny und an seinen Bruder Josef in München ge- richtet. Er ist als eine Art Verteidigung seines Bru- ders Peter zu verstehen, da die Schwägerin Fanny dessen Befürwortung der Spielbank im Landtag und die Teilnahme an der Deputation zum Fürsten als «unehrenhaft» bezeichnet hatte. Der Brief wird hier mit einigen Kürzungen wiedergegeben. Vaduz, 26. 11. 1872. Im Prinzip wirst Du mir glauben, dass ich die Spielbanken so entehrend und verwerflich finde, wie Du und alle, denen Ehre und Schamgefühl noch nicht zum blossen Phantom geworden sind, und dass es mir schon als eine Schmach vorkam, dass man uns diesen Antrag nur zu machen getraut hat. Ich scheute mich nicht, meine Gesinnung öffentlich und mit Leidenschaftlichkeit auszudrücken. Ich musste aber bald schweigen, weil ich überall Wi- derstand fand und zwar bei Leuten, wo ich es nie erwartete und die mir überall zuriefen, «wir brau- 186
        

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