DR. MED. WILHELM SCHLEGEL - ARZT UND POLITIKER RUDOLF RHEINBERGER ner Lungentuberkulose, wurde dann aber mit 30 Jahren auch noch von einer Halswirbeltuberkulose befallen. Sie starb daran im Alter von 34 Jahren. Dr. Schlegel hatte eine exakte Diagnose gestellt: chronische Lungenschwindsucht und Karies eines Halswirbels mit Bildung eines «kalten Abszesses», der sich der Halswirbelsäule entlang nach unten senkte. Die Wirbelaffektion war äusserst schmerz- haft, und da es zu jener Zeit kein wirksames Heil- mittel gegen die Tuberkulose gab, beschränkte sich die Behandlung zur Hauptsache auf die Schmerz- bekämpfung: «Schlegel kommt nun wieder auf Chi- nin mit Morphium zurück und droht mit Einsprit- zungen», schreibt die Patientin am 27. Oktober 18 7 5.37 Zwei Monate später hatte sich ihr Zustand bedenklich verschlechtert. Schlegel wünschte, dass man Dr. Sonderegger38 aus St. Gallen zum Consi- lium rufe. Da dieser aber nicht abkömmlich war, empfahl er schriftlich, «einen Gipsverband derart um Kopf und Schulter anzulegen, um den Kopf zu stützen und denselben ruhig zu halten, damit die Entzündung, welche in einem Halswirbel sein soll, nicht stärker wachgerufen wird. Dr. Schlegel kommt öfters am Tage auf Besuch».3'' Schlegel scheint mit der Methode des Gipsverbandes, die man erst seit den Fünfzigerjahren des Jahrhun- derts anwandte,40 schon bekannt gewesen zu sein und legte den komplizierten Verband an. Das Prin- zip der völligen Ruhigstellung war ihm aber wohl noch nicht vertraut, denn als die Patientin den Gipskragen als unbequem empfand, nahm er ihn nach wenigen Tagen wieder ab, um ihn durch eine bewegliche!!) und abnehmbare Metallkonstruktion, die er wohl bei einem Schlosser machen liess, zu ersetzen. Der Erfolg: Die Schmerzen wurden fast schlagartig wieder unerträglich. Bei seinen häufi- gen Besuchen verordnete Schlegel gelegentlich auch Chloral41 zur Beruhigung. Schliesslich zog er noch einen Spezialisten, Professor Wyss von Zü- rich, bei, doch erlitt die Patientin inzwischen eine Fraktur des kariösen Halswirbels, es trat eine Läh- mung der Arme und Beine ein, und die Patientin starb nach wenigen Tagen. Wie schon oben erwähnt, war ein Bruder schon vorher nach mehreren schweren Lungenblutungen 
gestorben. Sein Leiden hatte sich über mehrere Jahre hingezogen, und er war oft recht missmutig. Dies schlägt sich auch in einer Äusserung nieder, die er über Dr. Schlegel machte, nämlich, «dass dieser keinen Fleiss und Eifer habe in der Behand- lung».42 Zu diesem Vorwurf schreibt seine Schwe- ster43: «Es ist wohl etwas an der Sache, Schlegel ist bei langwierigen Krankheiten kein angenehmer Arzt - erst wenn man sterbenskrank im Bette liegt, spricht und tut er sein Möglichstes.» Dr. Schlegel erhielt aber auch Anerkennung für sei- ne ärztliche Hilfe; so durfte er von der eben zitier- ten Familie für «seine vielen Bemühungen um die verstorbenen Eltern und Geschwisterte» als Zei- chen der Dankbarkeit einen silbernen Becher in Empfang nehmen. Der prominenteste Patient, den Schlegel zu be- treuen hatte, war Landesverweser von Hausen. Von Hausen litt an einer Angina pectoris, die sich von Jahr zu Jahr verschlimmerte. Schon Mitte der Siebzigerjahre war er dadurch oft «sehr nervös, er- regt, barsch und von ungeduldigem Wesen». Da- durch gab es auch öfters Konflikte mit seinen Un- tergebenen.44 So lebte er auch in einem gespannten Verhältnis zu Landrichter Markus Kessler und zeit- weise zu Landestechniker Peter Rheinberger.4-"' 36) Wanger; Irmen: Josef Gabriel Rheinberger, Briefe und Dokumen- te seines Lebens. Bd. V, S. 217 37) Amalie an Fanny Rheinberger, Brief v. 27. 10. 1875, RhAV IX/2 38) Dr. Sonderegger war ein vielgefragter Arzt in St. Gallen, der sich hauptsächlich auch homöopath. Methoden bediente. 39) Peter Rheinberger an Josef Rheinberger, Brief v. 12. 1. 1876. RhAV IX/2 40) P. Diepgen, S. 170 41) Chloralhydrat war damals ein viel gebrauchtes Beruhigungs- und Schlafmittel. 42) Amalie Rheinberger an Fanny Rheinberger, Brief v. 13. 12. 1872, RhAV IX/2 43) Ebenda 44) David Rheinberger an Fanny Rheinberger, Brief v. 12. 8. 1876, RhAV 45) David Rheinberger an Fanny Rheinberger, Brief v. 14. 9. 1877, RhAV 177
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.