DR. MED. WILHELM SCHLEGEL - ARZT UND POLITIKER RUDOLF RHEINBERGER Nun wusste Schlegel, dass er sich nur mit Geduld und Energie eine Praxis aufbauen konnte. Die Standortfrage musste nochmals reiflich überlegt werden, und da im Oberland schon die beiden Ärz- te Dr. Ludwig Grass und Dr. Karl Schädler mit Do- mizil in Vaduz praktizierten, war es für Dr. Schlegel naheliegend, zunächst das Unterland als Feld sei- ner Tätigkeit zu wählen. So liess er sich denn im Jahre 1854 in Nendeln nieder, mit offenbar gutem beruflichem Erfolg. Inzwischen hatte sich Dr. Grass - er war jetzt 68 Jahre alt - entschlossen, sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen.32 Dies war der richtige Zeitpunkt für Dr. Schlegel, seine Praxis nach dreijährigem Aufenthalt in Nendeln nun nach Vaduz zu verlegen. Dr. Grass wählte den jungen Kollegen auch bald zum behandelnden Arzt seiner letzten Lebens- jahre. Man darf auch annehmen, dass Dr. Schlegel die meisten Patienten aus der Praxis von Dr. Grass übernahm. Damit war die berufliche und materi- elle Existenz Schlegels für die Zukunft gesichert. Dr. Grass starb dann am 29. November 1860. In den ersten Jahren nach der Praxisaufnahme in Vaduz hört man noch nicht viel von Dr. Schlegel. In der Öffentlichkeit erscheint er erstmals unter den Honoratioren, welche nach der feierlichen Eröff- nung des ersten Landtages am 29. Dezember 1862 zum Festessen im «Löwen» in Vaduz geladen wa- ren. Er war am 24. November 1862 mit hoher Stimmenzahl (100) zum Ersatzabgeordneten ge- wählt worden.33 Aus einem Brief34 aus dieser Zeit, den Josef Rhein- berger aus München an seine Eltern schrieb, nach- dem er die Sommerferien in Vaduz verbracht hatte, erfahren wir: «. . . auch mein Unwohlsein hat sich seit Dienstag gelegt. Dr. Schlegels Medizin hat mir gute Dienste geleistet - ich lasse ihm nochmals da- für danken.» Mit welchen Krankheiten es damals der praktische Arzt zur Hauptsache zu tun hatte, lässt sich aus den gut geführten Totenbüchern der einzelnen Pfarreien ersehen. Zwar sind Diagnosen wie «Ma- generweichung», «Lungenmigräne», «Gehirn-Ty- phus» oder «Exheritis» nicht leicht zu deuten. Sie dürften z.T. auch auf Übertragungsfehlern der ein-zelnen 
Pfarrherren beruhen. So mag die «Lungen- migräne» eine Lungengangrän oder die «Exheritis» eine Enteritis gewesen sein. Die Kleinkindersterblichkeit war gross und betrug im 19. Jahrhundert das 25- bis 40fache von heute. Im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts entfallen auf insgesamt rund 1000 Todesfälle 231 Kleinkin- der.35 Im gleichen Zeitraum von 1890-1900 star- ben in Liechtenstein 231 Menschen an Tuberku- lose, 161 an Herzerkrankungen, 91 an Lungenent- zündung und 82 an Krebs. Der Schwerpunkt lag also mit Abstand bei der Tuberkulose. Sie dezi- mierte ganze Familien, und die Ärzte standen ihr mehr oder weniger machtlos gegenüber. Als ein Beispiel für viele sei hier die Krankenge- schichte einer einzelnen von Dr. Schlegel betreuten Familie herausgegriffen, deren Schicksal sich an- hand von Briefen genau verfolgen lässt. Der Vater, Rentmeister Joh. Peter Rheinberger, hat- te mit etwa 20 Jahren eine tuberkulöse Lungenaf- fektion. die aber wider Erwarten rasch und voll- ständig ausheilte; er wurde 85 Jahre alt. Seine er- ste Frau Maria starb 29jährig an der Schwind- sucht. Die zweite Frau, Elisabeth, erreichte ein Al- ter von 72 Jahren; sie starb an Typhus. Aus beiden Ehen waren zusammen 11 Kinder hervorgegan- gen. Drei von ihnen überlebten das dritte Lebens- jahr nicht. Die Tochter Hanni erreichte als einziges der 11 Geschwister ein wirklich hohes Alter; sie 26) HALW Prot. Exhibit. 1853/9551 (Mitt. Dr. Peter Geiger) 27) LVolksblatt, 26. Okt. 1900, Nr. 43 28) HALW Prot. Exhibit. 1853/13372 (Mitt. Dr. Peter Geiger) 29) HALW Prot. Exhibit. 1854/4166 (Mitt. Dr. Peter Geiger) 30) Krieg der Westmächte gegen Russland 1854-1856 31) HALW 1854/7601, 9397 und Prot. Exhib. 1854/4166. 2. Juli 1854 (Mitt. Dr. Peter Geiger) 32) Siehe auch Liecht. Ärzte, JBL 89, S. 94-97 33) LLA Landtagsakten und Vogt. Paul: 125 Jahre Landtag. Vaduz, 1987 34) J. Rheinberger an die Kitern. 25. Sept. 1863, RhAV 35) Todesursachen LVolksblatt 1890-1900. Siehe auch Risch, Martin: Todesursachen-Statistik der Gem. Triesen von 1831-1930. In. JBL 36. und Vogt. Paul: Brücken zur Vergangenheit. Vaduz, 1990. S. 138 175
        

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