DIE FASTENTÜCHER VON BALZERS REINER SÖRRIES Geisselung etwa um die Mitte des 18. Jahrhunderts anzusetzen. Auch hier kann der Vergleich mit einem auf 1746 datierten Fastentuch aus Tirol (Abb. 7) hilfreich sein.18 In etwas anderer Konstel- lation zeigt es einen ebenfalls beinahe  Christus, dessen linkes Bein fast ganz von der Säule verdeckt wird; vergleichbar sind auch die Beinkleider der Schergen mit spitz zulaufendem oberem Schaftende, wenngleich dies auch schon in der Mode des 17. Jahrhunderts anzutreffen ist. Der zeitliche Rahmen der Gutenberger Fastentü- cher reicht also vom Beginn bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, eine Spanne, die weder eine gleich- zeitige, noch eine aufeinanderfolgende Entstehung aller drei Tücher ausschliesst. Allerdings verrät das Vesperbild eine etwas feinere Hand. Die Darstel- lung verzichtet auf den übertriebenen Pathos der beiden anderen Tücher. Dort ist der Leib Christi viel stärker mit blutigen Striemen überzogen, und das Antlitz Christi drückt eine duldsame Leidensbe- reitschaft aus. Der Schmerz des Vesperbildes ist deutlich verhaltener. Darüber hinaus verrät die Ge- staltung des Nimbus zwei unterscheidbare Hand- schriften. Im Vesperbild umschliesst eine schmale gelbe Aureole die Kopfkontur, und ein feinnerviger Strahlenkranz leuchtet darüber hinaus, während auf den anderen Tüchern die Aureole fehlt und ein deutlicher Kreuznimbus zu sehen ist. Somit möchte ich die Entstehungszeit der Fastentücher für die beiden Nebenaltäre später ansetzen. Insbesondere erscheint mir der Ausdruck  fort- geschrittener. Mit diesen Erwägungen soll nun abschliessend die Frage ihrer ursprünglichen Herkunft verknüpft werden, und hier gilt es, die Vermutung zu über- prüfen, die drei Fastentücher hätten ursprünglich in die Mariahilf-Kapelle bei Balzers gehört. So schreibt Hasler in dem eingangs zitierten Brief: «Wo und ob sie überhaupt in Balzers in Verwen- dung waren, wissen wir nicht; sie waren bis zu dieser Auffindung unbekannt. Sie könnten aber, so- wohl anzahl- wie grössenmässig, zu den drei Altä- ren der Mariahilf-Kapelle in Balzers/Mäls pas- sen.»19 Nachdem Schloss Gutenberg im Gemeinde- bereich von Balzers liegt, ist diese Vermutung nicht 
von der Hand zu weisen. Da die Pfarrkirche von Balzers beim Dorfbrand 1795 zerstört wurde, sind vermutlich auch deren Fastentücher für immer ver- loren. So bleibt also tatsächlich im näheren Um- kreis von Schloss Gutenberg nur die Mariahilf-Ka- pelle, wenngleich allein die räumliche Nähe kein hinreichender Beweis für die Lokalisierung der Fa- stentücher darstellt. Die Kapelle besitzt nach An- zahl und Anordnung die typische Altarbestückung, wie es aus dem Grundriss deutlich wird (Abb. 9). Immerhin verweist Hasler auf die ähnlichen Mass- verhältnisse der Fastentücher einerseits und der Altäre in Mariahilf andererseits. Eine Übersicht soll dies verdeutlichen. Unter der Rubrik Retabel wur- den die Breite zwischen den (inneren) Säulen sowie die Höhe von Oberkante Predella bis zum Kämpfer (Seitenaltäre) bzw. zum Kapitell/Gebälk (Hochaltar) gemessen: Altarblatt Retabel Fastentuch Stangenlänge Hochaltar H: 134,5 cm B: 90,0 cm 
Vesperbild 157,0/202,0 175,0 cm 139,0 cm 125,0 cm 122,0 cm Li. Altar H: 145,0 cm B: 89,0 cm 
153,0 cm 110,0 cm 
Geisselung 162,0 cm 115,0 cm 101,0 cm Re. Altar H: 145,0 cm B: 91.0 cm 
152,0 cm 113.0 cm 
Dornenkrönung 144,0 cm 127,0 cm 111.5 cm Die Breite der Fastentücher passt sich jeweils genau zwischen die Masse von Altarblattbreite und Säulenabstand ein. Dabei ist auffällig, dass zum linken Altar mit den etwas geringeren Massen auch ein etwas schmäleres Tuch passt. Das schmälere Tuch zeigt die Geisselung, und diese Szene befindet sich auch sonst über dem linken Nebenaltar. In der 17) Finkenstaedt, Thomas und Helene: Die Wieswallfahrt. Ursprung und Ausstrahlung der Wallfahrt zum Gegeisselten Heiland. Regens- burg, 1981. Vgl. die hier zahlreich aufgeführten Beispiele von hohen und niedrigen Geisseisäulen, insbesondere S. 27-46. 18) Fastentuch aus der Kapelle von Bichlbächle, datiert 1746, Sör- ries, Alpenländische Fastentücher, Kat. Nr. 31. 19) Brief von Norbert W. Hasler vom 25. 9. 1990 an den Autor. 381
        

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