DIE FASTENTÜCHER VON BALZERS REINER SÖRRIES Auf ungewöhnlichem Weg gelangten drei spätba- rocke Fastentücher in den Besitz des Liechtenstei- nischen Landesmuseums in Vaduz. «Die Tücher sind, nachdem die Burg Gutenberg bei Balzers 1979 durch das Land Liechtenstein aus Privatbesitz zurückgekauft worden war, in einem alten Schrank auf Burg Gutenberg gefunden worden und 1986 an das Landesmuseum gekommen ... 1988 sind sie durch den Restaurator und Kirchenmaler Bonifaz Engler aus Untereggen/SG museal restauriert wor- den.»1 Ausser diesem Fundhinweis teilte mir Herr Norbert W. Hasler seine Einschätzung mit, die Tü- cher könnten aus der Mariahilf-Kapelle von Balzers stammen. Bei einem gemeinsamen Ortstermin am 21. März 1991 sind wir dieser Vermutung nachge- gangen und fanden sie bestätigt, nachdem wir die Tücher an den Altären befestigt hatten; sie passen sich exakt den Massen der zu verhüllenden Retabel- ausschnitte an. Wir bezeichnen die Tücher deshalb als die Fastentücher von Balzers und werden unten näher auf ihre Herkunft eingehen. Die drei mit Passionsszenen bemalten, relativ klein- formatigen Tücher stellen als Zeugnisse volksfrom- men Brauchtums kulturhistorisch wertvolle Denk- mäler dar. Mit Ausnahme einiger weniger Land- schaften (Kärnten, Steiermark, Südtirol) ist die Ver- wendung bemalter Fastentücher heutzutage kaum mehr gebräuchlich.2 Sie dienten ursprünglich wäh- rend der vierzigtägigen Fastenzeit (Quadragesima) zur Verhüllung des gesamten Chorraumes, später zur Verhüllung der Altarretabel. Den älteren Brauch, den gesamten Chor mit einem einzigen Tuch zu verhängen, dokumentiert das Fastentuch von Bendern aus dem Jahre 1612, ebenfalls im Museum in Vaduz.3 Darin, dass nun auch die jünge- re Entwicklung durch Exponate im Vaduzer Muse- um belegt werden kann, besteht der hauptsächliche Wert der Neufunde. Die Fastentücher von Bendern und von Balzers gehören einer gesamtalpenländi- schen Tradition an und besitzen ihre nächsten Ver- wandten in Graubünden und in Vorarlberg.4 Seit dem 17. Jahrhundert ging man dazu über, an- stelle des Chorraumes die Altäre selbst zu verhül- len. Die Anzahl der Altäre bestimmte die Zahl der Fastenbehänge, in grossen Stifts- und Kathedralkir-chen 
zehn, zwölf und mehr.5 Als Standardausstat- tung der normalen Dorf- und Landkirche dürfen hingegen nur ein Hauptaltar und zwei Nebenaltäre am Chorbogen gelten. Drei Fastentücher bilden deshalb die Norm, wir bezeichnen dies als Fasten- tuchfolge.6 Ikonographisch zeigen sie in der Mehr- zahl eine kanonische Folge von Kreuzigung (für den Hochalter) sowie Geisselung und Dornenkrönung (für die Seitenaltäre). Auch die Fastentücher von Gutenberg bilden mit hoher Wahrscheinlichkeit eine solche Einheit. Als abweichend von der Norm, wenngleich nicht singulär, ist lediglich jenes Tuch anzusehen, das anstelle der Kreuzigung ein Vesper- bild zeigt. Die beiden Tücher mit Geisselung und Dornenkrönung sind dagegen typisch. Alle drei Tücher sind im Format bei allerdings ge- ringen Abweichungen uneinheitlich. In der Regel sind die Tücher der Nebenaltäre kleiner als jenes für den Hauptaltar, so auch bei den Tüchern aus Gutenberg. Alle drei bestehen aus blaugrauer, teils etwas fleckiger Leinwand. Die Motive sind auf die gefärbte, ungrundierte Leinwand in Öl gemalt. Rings um die Malerei hat die poröse Leinwand 1) Brief von Norbert W. I lasier. Leiter des Liechtensteinischen Lan- desmuseums, vom 25. 9. 90. 2) Vgl. dazu: Sörries, Reiner: Die Alpenländischen Fastentücher. Kla- genfurt. 1988. Bedeutsam ist vor allem ihre Verwendung in Kärnten, wo die meisten historischen Lastentücher in Gebrauch zu finden sind. Ein Nachtrag von mir zu den Fastentüchern in Südtirol findet sich in: Der Schiern 64 (1990) S. 123-141. Die Bearbeitung der steirischen Fastentücher steht noch aus und ist in Arbeit. 3) Poeschel, Erwin: Die Kunstdenkmäler des Fürstentums Liechten- stein. Basel, 1950. S. 252. Marxer, Felix: Das Fastentuch von Ben- dern. In: JBL 74 (1974) S. 133-152; Sörries, Alpenländische Fastentü- cher, S. 215-219. 4) Vgl. dazu Sörries, Alpenländische Fastentücher, S. 158-254. Unter den dort im Kapitel «Die alemannischen Fastontücher» behandelten 31 Beispielen stammen vier aus Graubünden und fünf aus Vorarlberg. Zu Vorarlberg vgl. Sörries, Reiner: Die Fastentücher im Vorarlberger Landesmuseum in Bregenz. In: Jahrbuch des des Vorarlberger Lan- desmuseumsvereins 1986. S. 123-144. 5) Mehrteilige Fastentuchfolgen sind bekannt aus Luzern. Sörries, Alpenländische Fastentücher, Kat. Nr. 61 (fünf Tücher erhalten, Mitte 17. .Jh.) und Garsten, Kat. Nr. 34 (18 Behänge, 1777). 6) Sörries, Alpenländische Fastentücher, S. 263. 371
        

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