PROJEKTE ZUR GRÜNDUNG EINER HOCHSCHULE IM FÜRSTENTUM LIECHTENSTEIN / GRAHAM MARTIN DIE ERSTE GESCHICHTLICHE PHASE: ENDE DER ZWANZIGER RIS MITTE DER DREISSIGER JAHRE Es lassen sich zwei geschichtliche Phasen für die Hochschulgründungsprojekte in Liechtenstein fest- stellen: Die erste fällt in die Zeit vom Ende der zwanziger bis in die Mitte der dreissiger Jahre die- ses Jahrhunderts. Die zweite setzt erst in den sech- ziger Jahren ein und dauert bis zum heutigen Tag. Diese Perioden sind von unterschiedlichen Fakto- ren bestimmt: In den zwanziger und dreissiger Jah- ren herrschte politische, wirtschaftliche und gesell- schaftliche Unruhe, vor allem in Deutschland; ge- gen Ende der sechziger Jahre entstand im traditio- nellen Universitätssystem in vielen westeuropäi- schen Ländern Aufruhr. In beiden Fällen erschien Liechtenstein als eine Oase der Ruhe und der Stabi- lität. EINE «UNIVERSITÄT IN VADUZ» Projekt von Dr. Dr. Hammarlöw Das erste Projekt, das meines Wissens in den Akten aufscheint, war das geistige Kind eines Schweden namens Uno Hammarlöw, der in Schweden studiert und sowohl in Innsbruck als auch in Bern dokto- riert hatte und im diplomatischen und publizisti- schen Bereich tätig war.5 Anfang 1927 setzte er sich mit dem damaligen liechtensteinischen Regie- rungschef Gustav Schädler in Verbindung und trug ihm seine Idee zur Gründung einer Universität in Vaduz vor. In einem Expose drückt er seine Grund- gedanken aus. Der Ausgangspunkt der Bedürfnis- frage lautet: «Die europäischen Universitäten sind reformbedürftig.»6 Die grundlegenden Prinzipien von Hammarlöws Ausführungen nehmen tendenzi- ell den Geist von 1968 voraus: Die Universitäten sind in den humanistisch-klassi- zistischen Ideen einer verflossenen Zeit stecken ge- blieben. Sie sind büreaukratisiert und veraltet. Es fehlt ihnen der Schwung und die Initiative des na- turerobernden Zeitalters. 
Darum ist das Bedürfnis nach einer neuartigen, dem Geist der Zeit mehr angepassten, Hochschule dringend, einer Hochschule, die nicht nur durch formalistisch-starre Zulassungsbedingungen wert- volle Kräfte abdrängt, die nicht durch einen veral- teten Studiengang totes Wissen häuft und die pul- senden Kräfte der Zeit vernachlässigt. Warum aber Liechtenstein als Standort? Wir zitie- ren wieder aus dem Expose: Solch ein neues Gebilde kann am besten da entste- hen, wo auch sonst in einem gewissen Sinne Neu- land gegeben ist. Hammarlöw verweist dann - wie dies übrigens auch bei den meisten der nachfolgenden Projekte geschieht - auf die zentrale Lage Liechtensteins ge- genüber anderen bedeutenden europäischen Kul- turstaaten sowie auf weitere Vorteile des Landes: Es kommt hinzu der Reiz der Landschaft, das ge- sunde Klima, die mustergültig geordneten staatli- chen Verhältnisse und die ländliche Ruhe und Be- schaulichkeit, die einem Studienleben besonders zuträglich sind. Nach einem Anfang mit einer handels- und arbeits- wissenschaftlichen Fakultät wollte Hammarlöw neuartige Studiengänge einführen wie Journalistik, Naturheilkunde und Relativitätswissenschaft. Auch sportliche und musische Ausbildungsgänge gehör- ten zum Studienplan, ferner sollte der Burschen- schaftsgeist gepflegt werden. Die Universität sollte als Privatunternehmen geführt werden. Der Initia- tor bürgte dafür mit seinem Privatvermögen. Er betonte, dass an das Land keine finanziellen An- sprüche gestellt werden sollten. Die liechtensteinischen Behörden fanden das Pro- jekt interessant. Gewiss hatte es manche idealisti- sche Züge, aber es stand trotzdem auf dem Boden der Realität. Die fürstliche Regierung wünschte vor- 4) Briefe von Dr. Evelin Oberhammer an den Verfasser vom 5. März bzw. 13. Juni 1990. Dr. Oberhammer hatte im Fürstlichen Hausarchiv sowohl in Wien als auch in Vaduz (vornehmlich im Hofpfalzgrafenre- gister) vergeblich nach Belegen gesucht. 5) Verschiedene Akten in LLA RE 19^7/1118. 6) Ebenda, «Die Gründung einer Universität in Vaduz». 305
        

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