DIE VERFASSUNG IM VORKONSTITUTIONELLEN ZEITALTER / ANDRE HOLENSTEIN Hinsicht; es bildete die Basis, auf der über die Ge- nerationen hinweg die bäuerlichen Familien ihre Güter bewirtschafteten und ihren Kindern vererb- ten und die Heiratsverbindungen zwischen Famili- en geschlossen wurden, es lieferte zudem ein ver- trautes Regelwerk, das in Konflikten zwischen den Landesbewohnern vermittelte. Dieses Recht aber, das die bäuerlichen Schöffen in den Dorf- und Landgerichten anwendeten und fortbildeten, liess sich in der Überzeugung der Untertanen auch nur durch Übereinkunft, durch Vertrag zwischen der Herrschaft und den Untertanen verändern.48 Dass sich das Recht hingegen auf dem Gesetzesweg rasch modifizieren und neuen Gegebenheiten an- passen lasse, entsprach in keiner Art und Weise dem Rechtsverständnis des Mittelalters. Genau hier entstanden jene Reibungsflächen mit der Landes- herrschaft, die sich im 17. und 18. Jahrhundert verstärkt der Gesetzgebung, des einseitigen Ein- griffs in altes Recht bediente, um ihre Ansprüche durchzusetzen.49 Die heftigen Auseinandersetzun- gen der Vaduzer und Schellenberger mit den Ho- henemsern und Liechtensteinern sprechen hiefür eine deutliche Sprache. 9. Nach diesem etwas ausführlicheren Exkurs über ein zentrales Merkmal der Huldigung soll die Analy- se des Huldigungsgeschehens von 1718 weiterge- führt werden. Die Vertreter des Fürsten zogen sich nach dem Schwurakt auf der Schlosswiese mit den Honoratio- ren des Landes in das Schloss zurück, um den Tag bei einem gemeinsamen Mahl zu beschliessen. Festliche Mähler und Bankette werden bei heraus- ragenden Gelegenheiten des sozialen und politi- schen Lebens zwar noch heute gegeben, dabei wird aber wohl den wenigsten vertraut sein, welchen rechtlich-symbolischen Gehalt die vormoderne Zeit dem gemeinsamen Essen und Trinken bei solchen Anlässen beimass. Ob wir an die Zunft- und Gilde- mähler des Mittelalters denken oder an die Ge- richts- und Schöffenmähler in den Grundherrschaf- ten, an das Huldigungsmahl oder an das gemeinsa- me Vertrinken der Bussengelder durch die Dorfge- nossen in den Gemeinden, bei zahlreichen wieder-kehrenden 
Versammlungen im Jahresablauf sehen wir in der altständischen Zeit Gruppen und Korpo- rationen, die bei Mahl und Trunk die Gruppeniden- tität und das Gemeinschaftsgefühl bestärkten; die 41) Kaiser, Liechtenstein, S. 441 f. 42) Ein erstes kaiserliches Mandat in dieser Sache war bereits bei der Huldigung von 1718 verlesen, von den betroffenen Untertanen mit wenigen Ausnahmen aber nicht beachtet worden. Bei einem Vorfall mit dem fürstlichen Verwalter im Mai 1719 hatten Männer und Frau- en diesem gedroht, sie wollten eher «sammentlich Klein / und Gross / mit Ober- und Unter-Gewehr auf das Herrschafftliche Residcnz- Schlos kommen / und dasjenige / was [sie] gchuldiget / revociren», als von den Gütern abzulassen. Ein kaiserliches Mandat vom 27. Juli 1720 wiederholte die Aufforderung an die Liechtensteiner Unterta- nen, insbesondere jene aus Vaduz, Schaan, Triesen, Balzers und Klein-Mels. die Güter zurückzuerstatten (das Mandat im Landesarchiv RA 1/6/1; danach auch obiges Zitat). 43) Kaiser, Liechtenstein, S. 499 f. sowie Ospelt, Verfassungsgeschich- te, S. 17—20. Mit der Neueinteilung des Landes in sechs Ämter statt der früheren zwei Gerichte griff die Regierung in die alte Verfassungs- struktur des Territoriums ein; sie wollte das traditionelle Amt des Landammanns, das jeweils unter Beteiligung der Gerichtsgemeinde besetzt worden war. zugunsten von sechs Schultheissen abschaffen, welche künftig durch die Obrigkeit ernannt werden sollten (dazu Kai- ser, Liechtenstein, S. 507 f.). Die Gemeinden reagierten ihrerseits damit, dass sie Anhängern der Herrschaft mit dem Entzug des Ge- meinderechts drohten (Kaiser, Liechtenstein, S. 500). 44) Kaiser, Liechtenstein, S. 502. 45) Kaiser, Liechtenstein, S. 505. 46) Im Gegensatz zum Vertrag des modernen Zivilrechts bezeichnet Brunner den im Lehens- oder Untertanenverhältnis vorwaltenden Vertrag in Anlehnung an die von IIS. Maine und M. Weber entwickel- te Begrifflichkeit als «Statusvertrag» (Brunner, Land und Herrschaft. S. 259 ff.). Der Statusvertrag bindet den ganzen Menschen, während Gegenstand eines modernen Vertrags nur einzelne, kündbare Rechts- geschäfte bzw. -beziehungen sind. 47) Vgl. dazu Jürgen Weitzel, Dinggenossenschaft und Recht. Untersu- chungen zum Rechtsverständnis im fränkisch-deutschen Mittelalter, 2 Bde, Köln-Wien 1985; knapp und prägnant Dietmar Willoweit. Struk- tur und Funktion intermediärer Gewalten im Ancien Regime, in: Ge- sellschaftliche Strukturen als Verfassungsproblem (Der Staat, Beiheft 2), Berlin 1978, S. 9-27, sowie im Hinblick auf den Zusammenhang milder Huldigung Holenstein, Huldigung, S. 321-371. 48) Die Erbordnung der Sulzer Grafen von 1531 war auf Bitte der Untertanen zustandegekommen; die Zustimmung der Untertanen steht auch bei den Verträgen und Vergleichen mit den Hohenemser Grafen aus dem 17. Jahrhundert ausser Frage. Weitere vertragliche Vereinbarungen zwischen den Brandiser Landesherren und den Dör- fern erwähnt Slievertnann, Geschichte. S. 122. 49) Zu diesem Strukturkonflikt zweier Rechtsvorstellungen vgl. prä- gnant Hans Maier. Die ältere deutsche Staats- und Verwaltungslehre, TB-Ausgabe, München 1986, S. 33-91. 295
        

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