DIE VERFASSUNG IM VORKONSTITUTIONELLEN ZEITALTER / ANDRE HOLENSTEIN Fürsten richtete, das man auf der Tribüne unter einem Baldachin aufgerichtet hatte. Als erster ergriff hier der Landvogt das Wort und gab den versammelten Herrschaftsleuten offiziell den Tauschvertrag der fürstlichen Familie bekannt, der mittlerweile auch die kaiserliche Genehmigung erhalten hatte. Ihm folgte der fürstliche Gesandte Harpprecht, der im Namen des abwesenden Für- sten den Untertanen dessen generelle Zusage mit- teilte, dieser wolle sie in seinen Schutz und Schirm aufnehmen und dabei gleichzeitig versprechen, «sämtliche Gemeinden und einen[n] jede[n] Unter- thanen, welchen Standes und Würden derselbe sein möge, insonderheit bei ihren alten, wohlherge- brachten guten Sitten und Gewohnheiten, Rechten und Gerechtigkeiten, den Urbarien und anderen zu Recht erweislichen Freiheiten [zu] erhalten».8 Im Gegenzug erwarte der Fürst aber, dass sich die Untertanen ihm gegenüber jederzeit treu und ge- horsam erweisen «und zu solchem Ende in gegen- wärtiger Stunde ... die Erbhuldigungspflicht schwören und ablegen» wollten. Der Gesandte be- teuerte die Rechtmässigkeit und Gottwohlgefällig- keit seiner Forderung, denn schliesslich, so Harp- precht, gelte der Treueschwur als ordentliche Pflicht eines jeden Untertanen gegenüber seiner Obrigkeit; wer ihr getreuen Herzens nachkomme, werde Gottes reichen Segen über sein Haus ziehen, wer jedoch mutwillig wider Eid und Pflicht handele, habe unfehlbar die Strafe des Meineids zu gewärti- gen.9 Worin die Pflicht der Untertanen im einzelnen bestand, vermerkte die Eidesformel, die den Unter- tanen nun laut vorgelesen wurde. «Ihr werdet schwören einen leiblichen Eyd zu Gott und denen Heiligen, dem Durchleuchtigsten Für- sten und Herrn Herrn Anton Florian, Regierern des Hauses Liechtenstein getreü, gehorsam, gewartig, bottmässig, steür-, frohn- und dienstbahr zuseyn, dero nuzen und frommen nach Euerem besten Ver- mögen zubeförderen, schaden und nachtheill zu warnen und zu wenden, und dass Seine Hochfürstliche Durchlaucht Ihr nun fürohin für Eueren rechtmässigen Leib-, Grund-und 
natürlichen Herrn auch Obrigkeit erkennen, selbige und dero nachgesezte beampte ehren, dero jeweilen ergehenden gebott und verbotten, auch rechtmässigen und billichen saz-, land- und policeyordnungen unterthänigst gehorsamst nach- kommen und geleben, bey niemand andern, dan bey Höchstgedacht Sei- ner Hochfürstl. Durchlaucht und dero nachgesezten beampten Recht, Hülf und Raht, auch schuz und schirm suchen und nehmen, und sonst all anders thun und lassen wollet und sollet, was getreuen und gehorsamen unterthanen gegen Ihro gnädigster Flerrschafft und Obrigkeit zu leisten gebührt und wohl anstehen thut, getreulich und ohngefahrlich.»10 Die Vertreter des Landesherrn hatten damit dessen Forderungen und Ansprüche an die Untertanen- schaft formuliert, doch bevor es zum Schwur kom- 5) Wenn hier von «Verfassung» gesprochen wird, so handelt es sich selbstverständlich um einen vormodernen, vorkonstitutionellen Ver- fassungsbegriff, wie er heute in der mittelalterlichen und frühneuzeit- lichen Verlässungsgeschichte verwendet wird. Vgl. dazu Reinhart Ko- selleck. Begriffsgoschichtliche Probleme der Verfassungsgeschichts- schreibung, in: Gegenstand und Begriffe der Vorfassungsgeschichts- schreibung (Der Slaat. Beiheft 6). Berlin 1983. S. 7-21. bes. S. 8-11. 6) Zur Person Harpprechts jüngst Norbert R. Machheil. Stephan Chri- stoph Harpprecht (1676-1735). in: V. Press, D. Willoweit (Hrsg.). Liechtenstein - fürstliches Haus und staatliche Ordnung, Vaduz-Mün- chcn-Wien 1987, S. 211-247. der leider die Tätigkeit Harpprechts als fürstlicher Kommissär in Liechtenstein nach 1718 nicht behandelt. 7) Im Januar 1718 hatte fürst Joseph Wenzel, dem die Herrschaften 1712 zugefallen waren, die Volljährigkeit erreicht und seinen Regie- rungsantritt mit der eidlichen Verpflichtung der Landammänner und Gerichtsleutc angezeigt. Zu einer allgemeinen Vereidigung auf diesen Fürsten ist es wegen des Herrschaftstausches innerhalb der Dynastie nicht mehr gekommen (vgl. Kaiser. Liechtenstein, S. 4SS). 8) Schaedler, Huldigung, S. 22. 9) Zu Meineid und Eidbruch vgl. knapp Holenslein, Huldigung, S. 58 ff.: ausführlicher Lothar Kolmer, Promissorische Eide im Mittel- alter, Kallmünz 1989. S. 314 ff. 10) Zitiert nach einer Abschrift des Huldigungsprotokolls aus dem Jahre 1910. Dabei handelt es sich wohl um jene Abschrift, auf die Schaedler. Huldigung, S. 18. hinweist. Das Original befindet sich im fürstlichen Hausarchiv (die Abschrift im Privatarchiv der Familie Rheinberger. Rotes Maus. Vaduz. Sign. Z 3). Für die freundliche Über- reichung einer Kopie dieser und weiterei' Quellen danke ich dem Liechtensteinischen Landesarchiv. Vaduz. 287
        

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