die politische Entmündigung war bis 1848 zu rigo- ros durchgesetzt worden. Die Nachteile des Militärs erlebte das einfache Liechtensteiner Volk als persönliche Einschrän- kung: z.B. wurden für Militärpflichtige entweder gar keine oder nur im beschränkten Ausmass Be- willigungen zur Arbeitssuche im Ausland oder für die Verheiratung erteilt. Auch in der Ausübung der bäuerlichen Tätigkeit wirkte sich die Erfüllung der Militärpflicht einengend aus, wenn auch bei der Ansetzung der Präsenzpflicht auf diese Situation möglichst Rücksicht genommen wurde. Die Opposition aus der Bevölkerung gegen das Mili- tär erwuchs aber auch wegen der enormen Kosten, welche dieses verursachte. Besonders in Zeiten von Ausmärschen, Neuanschaffungen von Uniformen und Waffen drückten diese Lasten schwer. Die Für- sten gewährten zwar immer wieder Kredite, doch waren diese bei Gelegenheit wieder zurückzube- zahlen und belasteten die ohnehin angespannte fi- nanzielle Lage Liechtensteins stark. Die Ablehnung des Militärs in Liechtenstein durch den Grossteil der Bevölkerung geschah also eher aus wirtschaftlichen, nicht so sehr aus politischen Gründen. Politische Gründe zur Ablehnung des Mi- litärs wurden auch kaum geboten, da in der ganzen Phase von 1814 bis 1868, da das Militärkontingent existierte, nie ein Einsatz gegen die eigene Bevölke- rung erwogen, geschweige denn durchgeführt wor- den wäre. Durch die Kleinheit des Landes und die geringe Bevölkerungszahl waren zahlreiche ver- wandtschaftliche Beziehungen und persönliche Be- kanntschaften gegeben, die einen solchen Militär- einsatz sehr erschwert hätten. Dies mag auch erklären, dass das Militär nicht so sehr eine beim Volk verhasste Institution war, son- dern eben eher als eine oft harte Belastung empfun- den wurde, der man nicht ausweichen konnte. Von daher ist es auch verständlich, dass es durchaus Leute gab, die sich dem Militärdienst freiwillig zu- wendeten, sei es, um als Einsteher Geld zu verdie- nen oder als Berufssoldat ein wirtschaftlich einiger- massen gesichertes Leben führen zu können oder eine militärische Laufbahn einzuschlagen. 
Die Bevölkerung als Gruppe stand dem Militär mit misstrauischer Ablehnung gegenüber, was sich etwa in der widerspenstigen Haltung gegenüber den ausländischen Kommandanten ausdrückte. Wenn bestimmte Faktoren zusammentrafen, konn- te diese Haltung in offene Widersetzlichkeit um- schlagen. Es ist den Verantwortlichen im Staat zugute zu hal- ten, dass sie versuchten, die Ursachen und Anlässe der Unzufriedenheiten im Zusammenhang mit dem Militär möglichst einzudämmen. Die Kosten wur- den durch Sparmassnahmen, die manchmal fast exzessive Ausmasse erreichten, so tief wie nur ir- gend möglich gehalten. Auch verzögerte Liechten- stein die Einberufung des Kontingents sowohl im Lande selbst als auch zu gemeinsamen Übungen beim Bataillon, bis die Toleranzgrenze der Bundes- zentralgewalt erreicht war. Die Präsenzzeiten wur- den für die bäuerliche Bevölkerung und für die Ar- beitssuchenden so gelegt, dass möglichst wenige Behinderungen für sie entstanden. Und, wie oben erwähnt, das Kontingent wurde nie gegen die eige- ne Bevölkerung eingesetzt. Gegenüber dem Deutschen Bund taktierten Fürst und Verwaltung mit Verzögerungsverhalten. For- derungen, die nicht mehr aufgeschoben werden konnten, wurden erfüllt. In solchen Fällen konnte auch die Bevölkerung gegen die getroffenen Ent- scheidungen nichts mehr unternehmen, es sei denn wie 1831 offenen Widerstand üben. Die Militärgeschichte Liechtensteins gibt uns auch Einblick in soziale Verhältnisse des Volkes. Die klar patriarchalische Struktur der Gesellschaft zeigt sich etwa in den Heiratsbewilligungen oder in der Kon- skriptionsgesetzgebung. Auffällig ist, welch hohe Geldsummen für Ein- standsmänner aufgebracht werden. Eine eigene Untersuchung dieses Aspektes könnte eventuell aufschlussreiche Erkenntnisse bringen. Das Verhältnis des einzelnen zum Staat kommt auch in den Militärleistungen zum Ausdruck. Hier zeigt sich, dass sich in dieser Zeitphase Einzelper- sonen kaum mit dem Staat Liechtenstein identifi- zierten. 256
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.