LIECHTENSTEINER ÄRZTE DES 19. JAHRHUNDERTS RUDOLF RHEINBERGER musste. Nachkommen als Erben hatte er nicht, da er ja unverheiratet geblieben war. Es lag ihm aber daran, einen Streit um seinen Nachlass zu vermei- den, und dies gelang ihm, ohne ein eigentliches Testament gemacht zu haben. Und wiederum war es vor allem das Vorbild Peter Kaisers, dessen stetiges Eintreten für die Sache der Jugend sich auf die Entschlüsse von Dr. Grass entscheidend auswirkte. Kaiser hatte in den Umbruchjahren 1848/49 keine Gelegenheit ungenutzt gelassen, um auf die Wich- tigkeit des Schul- und Bildungsproblems hinzuwei- sen. Es ist wie ein nie erlahmendes «ceterum censeo», wenn er in den Adressen der Landesaus- schüsse an den Fürsten,481 in einem Brief aus Frankfurt an den Fürsten,482 und in seinem Schrei- ben «An meine Landsleute»483 immer wieder dieses Thema anschnitt. Ja sogar in dem Verfassungsent- wurf vom Jahre 1848 war von Kaiser «eine höhere Bürger-und Realschule»484 postuliert worden, und der Verfassungsausschuss baute diese Forderung in das Verfassungswerk ein.485 So hatte Ludwig Grass das immer wieder vorge- brachte Anliegen Peter Kaisers zu seinem eigenen gemacht. Die rasch fortschreitende technische Entwicklung im 19. Jahrhundert liess auch in Liechtenstein allmählich Industriebetriebe entstehen,486 begün- stigt noch durch den Zollvertrag mit Österreich vom Jahre 1852.487 Qualifizierte Kräfte als Vorarbeiter, Meister usw. waren gefragt. Aber auch Gewerbe und Handwerk sahen sich immer höheren Anforde- rungen in der Ausbildung gegenübergestellt. Um jedoch mit dieser Entwicklung Schritt halten zu können, musste die Schulbildung ausgeweitet wer- den. Grass sah mit klarem Blick, dass eine solche Ausweitung des Schulangebotes am meisten Erfolg versprach, wenn sie auf der Grundlage einer Real- schule oder eines ähnlichen Schultypus geschah, wie dieser in der Schweiz schon seit Jahren einge- führt war. Grass hatte sich einen genauen Plan für den Ablauf seines Vorgehens zurechtgelegt. Als erstes sollte die Gemeinde Vaduz motiviert werden, ein neues Primarschulhaus zu bauen, das auch Platz bieten konnte für die von ihm angestreb-te 
Realschule. Nach Verwirklichung dieses ersten Schrittes war dann die Anstellung eines Reallehrers auf Dauer sicherzustellen und diese unabhängig von äusseren Gegebenheiten zu machen. Weder der Gemeinde Vaduz noch dem Lande sollte dabei Unmögliches auferlegt werden. Vorbesprechungen zwischen Dr. Grass und den Gemeindevertretern, Ortsrichter Anton Ospelt und Säckelmeister Franz Josef Laternser, im Laufe des Jahres 1851 über eine Schenkung, hatten schon zu einer prinzipiellen Übereinstimmung geführt. Grass wollte der Gemeinde Vaduz die beiden Häuser Nr. 16 und 17 samt Umschwung als Lehrerwohnun- 475) Quaderer, S. 168/169. LLA RC 85/52. 24. Oktober 1845. 476) Theresia Franziska Rheinberger (1790-1867), Tochter des Johann Rheinberger (1763-1815) und der Josefa Wolfinger (1765- 1793). Der Vater Johann Rheinberger war Richter, Besitzer des «Löwen» in Vaduz und Pächter der fürstlichen Taverne zum «Adler» in Vaduz. Er hatte im Jahre 1807 vom Kanton St. Gallen den säkularisierten Besitz des ehemaligen Benediktinerklosters St. Jo- hann im Thurtal gekauft. - Theresia Rheinberger war eine sehr gebildete und fromme F'rau. In ihren mittleren Jahren zog sie sich zeitweise ins Dominikanerinnenkloster Altenstadt zurück, um mit den Nonnen ein kontemplatives Leben zu führen. Nach einem ersten Testament von 1836 wollte sie noch im dortigen Friedhof begraben werden. (FamARh Ha 10). Später lebte sie wieder im Roten Haus in Vaduz, wo sie ab 1846 für die Mädchenschule und die Wohnung der Zamser Schwestern ein ganzes Geschoss zur Verfügung stellte und für die Schwestern eine Hauskapelle einbauen liess. (Siehe auch Poe- schel. S. 176, Anm. 1). Theresia Rheinberger wurde (nach dem Roten Haus) auch die «Rote Theres» genannt. 477) Quaderer, S. 168. 478) Quaderer, S. 168. LLA RC 85/52. 0A an Fürst, 24. Oktober 1845. 479) Quaderer, S. 168, Anm. 101. 480) Siehe auch Eröffnung Krankenhaus Vaduz, 17. Oktober 1981, Buch- und Verlagsdruckerei Vaduz, Hrsgb. Dr. G. Risch. Darin «Krankenhauspläne - ein historischer Rückblick» von Rud. Rheinber- ger. 481) Adresse vom 24. März 1848, LLA Schädler-Akten 265. 482) Kaiser an Fürst Alois, 6. September 1848, HA Wien. 483) Brief An meine Landsleute vom 25. November 1848, gedruckt bei F. J. Kind, Peter Kaiser, JbL 5, S. 32 ff. 484) Herbert Wille, Staat und Kirche im Fürstentum Liechtenstein, S. 302. Graham Martin, Das Bildungswesen des Fürstentums Liech- tenstein, S. 94 und 453. 485) Geiger, S. 107. 486) Alois Ospelt, S. 265 ff. 487) Siehe auch oben S. 65. 91
        

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