Hören kann ich Dir aber hierüber nicht berichten und mir scheint, sie seyen auch missverstanden worden. Wie viel mich der Brief Überwindung gekostet hat kannst Du Dir vorstellen und daraus ermessen, wie sehr Dir zugethan ist Dein Dr. Grass» Dieser Brief von Dr. Grass lässt nicht nur seine politische Einstellung erkennen, er zeigt auch, wie sehr er an der politischen Entwicklung des Landes interessiert war. Er gibt aber auch ein lebendiges Bild seiner Persönlichkeit. Grass nennt zwar die Dinge beim Namen, wird aber nie ausfällig. Dass er das «Folgen lernen» dem scheinbar aussichtslosen offenen Kampf gegen den «neuen Absolutismus» vorzog, zeigt die früher schon festgestellte Scheu vor der Konfrontation. FÖRDERER DER SCHULSCHWESTERN Ein Hauptanliegen war für Grass schon in früheren Jahren die Verbesserung der Bildungsmöglichkei- ten der liechtensteinischen Jugend gewesen. Dass hier auch der Einfluss des Freundes Peter Kaiser mitwirkte, kann nicht übersehen werden. Kaiser hatte sich schon seit dem Jahre 1837 bemüht, zur Hebung des Niveaus des Schulunterrichtes beizu- tragen, indem er selbst im Lande Fortbildungskurse für die Lehrer hielt.475 Im Jahre 1845 stellte Theresia Rheinberger476 von Vaduz ein Kapital von 1000 fl sowie jährlich zusätz- liche 50 fl für die Gründung einer Mädchenschule in ihrer Heimatgemeinde zur Verfügung.477 Als Lehr- kräfte hatte sie Lehrschwestern des Ordens der Barmherzigen Schwestern des Klosters Zams aus- ersehen. Es war für sie wohl nicht schwer, auch Dr. Ludwig Grass für die Idee zu gewinnen, und dieser förderte das Unternehmen mit einem jährli- chen Beitrag von 100 fl.478 Die Gemeinde Vaduz und später auch das Land stellten ebenfalls Mittel für die Bezahlung der Schulschwestern in Aussicht. So begann ein Jahr später die segensreiche Tätig- keit der Schulschwestern in Vaduz. Für die positive 
Einstellung von Dr. Grass mag aber auch noch ein anderer Aspekt als nur der schulische eine Rolle gespielt haben. Der Orden bildete ja nicht nur Schulschwestern aus, ein zweiter Schwerpunkt lag bei der Heranziehung von Krankenpflegeschwe- stern. Nun hatte aber Theresia Rheinberger das Angebot gemacht, das Stiftungskapital auf 2000 fl zu verdoppeln, wenn die Schwestern auch noch Krankenpflege ausüben würden.479 Dies war für den Arzt Grass eine Aussicht, die für die Zukunft grosse Bedeutung gewinnen konnte. Gewiss waren auch die Schulschwestern in ihrer freien Zeit stets bereit, bei schweren Krankheitsfällen Rat zu ertei- len und auch tätige Hilfe zu leisten, aber ihre Möglichkeiten waren begrenzt. Erst Jahrzehnte später, als in den Gemeinden mit dem Bau von Bürgerheimen begonnen wurde, wurde deren inter- ne Leitung und die Pflege der gebrechlichen und kranken Insassen den Barmherzigen Schwestern von Zams anvertraut. Nochmals einige Jahrzehnte später, als nach dem ersten Weltkrieg im Bürger- heim Vaduz eine kleine Spitalabteilung eingerichtet wurde, war es fast selbstverständlich, dass die Zamser Schwestern auch die Leitung dieser Abtei- lung übernahmen. Das Mutterhaus stellte bestens ausgebildete Kranken- und Operationsschwestern zur Verfügung, und der Spitalbetrieb nahm im Laufe der Jahre ein Ausmass an, das den gegebe- nen Rahmen im Bürgerheim Vaduz sprengte und schliesslich im Jahre 1978 zu dem dringend not- wendigen Krankenhausneubau an der Stelle des alten Bürgerheims führte.480 Theresia Rheinberger und Dr. Ludwig Grass, der ihr Vorhaben unterstütz- te, hätten wohl nie zu träumen gewagt, was ihre Initiative vom Jahre 1845 im Laufe von 130 Jahren alles ins Rollen bringen würde. SCHENKUNG FÜR DIE PRIMARSCHULE VADUZ Als Grass in sein siebtes Lebensjahrzehnt eingetre- ten war, schien es ihm an der Zeit, seine materiel- len Dinge zu ordnen. Er hatte sich im Laufe seines arbeitsreichen Lebens ein recht grosses Vermögen erworben, über das mit Bedacht verfügt werden 90
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.