Verwirklichung übergehen zu wollen. Hr. Rent- meister fängt nun allmählich an, diesen im übrigen seelenguten Menschen, aus allen Kräften zu domi- nieren. Und wenn er nicht recht bald seine Hände aus den Rocktaschen herauszuheben sich bemühen wird, wird ihn selbst ein Doctor Grass nicht mehr retten können.» Und ein Jahr später, im August 1834, schreibt Rheinberger: «Unser Hr. Landvogt arbeitet viel. Aber trotz seinem besten Willen geht es im Ganzen doch nicht recht vorwärts. Die Unterstützung von Seite des Herrn Rentmeisters und Hr. Doctor Grass wollen durchaus nicht hinrei- chen. Vielleicht wird es sich in der Folge besser machen.»440 Es unterliegt also keinem Zweifel, dass Ludwig Grass mit dem Erscheinen Menzingers 1833 eine politische Rolle zu spielen begann. Allerdings ist es schwer abzuschätzen, wie weit sein Einfluss reichte. Bei der liberalen und zum Aus- gleich neigenden Einstellung von Grass kann aber dieser Einfluss in jener Zeit des krassesten Absolu- tismus nur von gutem gewesen sein. Einige Jahre später, als sich beim amtierenden Landesphysikus Gebhard Schädler die Leistungsfä- higkeit durch Krankheit und Alter immer mehr reduzierte, und man sich die Frage nach seiner Nachfolge stellen musste, hätte Michael Menzinger gerne Ludwig Grass an dessen Stelle gesehen. Doch Grass wollte nicht. Er sah wohl, dass die zusätzliche Belastung beim Umfang seiner Praxis und dem schon fortgeschrittenen Alter von über fünfzig Jah- ren für ihn zu gross gewesen wäre. Als es dann soweit war, bewarb er sich gar nicht mehr um die Physikatsstelle. Ein Auszug aus dem Schreiben Menzingers an die Hofkanzlei in Wien, in welchem er Grass wärmstens für das Amt des Landesphysi- kus empfiehlt, darf hier nicht fehlen, ist es doch eine der wenigen zeitgenössischen Charakterisie- rungen der Person von Ludwig Grass, die wir besitzen441: «Dr. Joseph L. Grass ist seit December 1813 praktischer Arzt im Lande und hat nicht nur in diesem, sondern auch in einem ziemlichen Bereich der Umgegend den Rufeines sehr geschick- ten und allgemein gesuchten Mediziners, und die- sem Verdienst die Anerkennung zu geben, herrscht nur eine Stimme im Lande, dass er als unverpflich-teter 
Arzt der armen Klasse von Kranken unver- kennbar mehr Wohltaten erwiesen habe, als Hr. Landschaftsarzt.442 Als graduierter und lang- jährig erfahrener Arzt wurde auch Dr. Grass von jeher in wichtigen Sanitätsverfügungen gewöhnlich vom fürstlichen Oberamte consultiert.» Anfangs der Vierzigerjahre muss die berufliche Belastung für Dr. Grass einen Höhepunkt erreicht haben, weshalb er sich entschloss, wenigstens zeitweise einen Assistenten anzustellen. Dies geht aus einem Brief hervor, den Rentmeister Rheinber- ger an seinen Sohn David, als dieser in Wien studierte, schrieb443: «Warum schreibst Du nie etwas von dem Medizin-Candidaten Hasler?444 . . . Wie ich vernehme, wird er nach gemachten dies- jährigen Prüfungen auch nach Haus, und zum Hr. Dr. Grass in die Praxis kommen.» Es kam aber nicht zu einer Anstellung Haslers.444a Menzinger und Grass, die zu ihrer Studienzeit den gleichen liberalen Idealen gehuldigt hatten, ja als Burschenschafter in direkter Opposition zur gelten- den absolutistischen Staatsordnung standen, hatten sich im Verlaufe der Jahre, jeder entsprechend seinem Charakter und Beruf, in verschiedener Richtung weiterentwickelt. Menzinger war der direkte Stellvertreter des weit entfernt lebenden Fürsten und musste, wenn die Zeit drängte, aus eigener Verantwortung han- deln.445 Er war ein loyaler Diener seines Herren, im monarchischen System mit weitreichenden Voll- machten ausgestattet. Dass er die Interessen seines Fürsten in allen Belangen zu wahren suchte - auch wenn das Volk darunter litt - war im System begründet. Dr. Ludwig Grass dagegen war ein Mann des Volkes, das er durch und durch kannte. Er sah es als seine Pflicht an, seinen Mitbürgern zu men- schenwürdigen Lebensumständen zu verhelfen. Trotz dieser divergierenden Interessen blieben Grass und Menzinger Freunde.446 Seine Mitbürger aber brachten Grass deswegen kein Misstrauen entgegen. Dies erwies sich schon in den ersten Tagen der Märzrevolution 1848, als die versammel- ten, vom Volk gewählten Ausschüsse ihn neben Peter Kaiser und Karl Schädler in den Landesaus- 86
        

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