LIECHTENSTEINER ÄRZTE DES 19. JAHRHUNDERTS RUDOLF RHEINBERGER liechtensteinische Staatsangehörigkeit scheint für den in Graubünden niedergelassenen Karl Schädler kein Grund zur Ablehnung des Militärdienstes gewesen zu sein, wohl auch deshalb, weil es sich doch mehr um ein humanitäres Engagement han- delte. Schädler wurde auch regelmässig zu den alle zwei Jahre stattfindenden militärischen Kursen in Thun beordert.191 Diese Kurse mussten für den liberal Eingestellten eine willkommene Gelegenheit sein, mit Männern gleicher Gesinnung einen intensiven Gedankenaustausch zu pflegen. Die jeweils 2-3 Monate dauernden Kurse an der Militärschule in Thun, die im Geiste General Dufours geführt wurde, waren in ganz Europa bekannt. Viele Liberale aus den monarchisch regierten deutschen Bundesstaa- ten, aber auch aus Frankreich gaben sich dort in der Zeit des Vormärzes ein Stelldichein. Sie leiste- ten zum Teil Dienst in der schweizerischen Armee, zum Teil wirkten sie auch als Lehrkräfte an der Thuner Militärschule.192 Zu den Besuchern dieser Kurse gehörte auch Charles Louis Napoleon, der spätere Kaiser Napoleon III. Karl Schädler lernte diesen persönlich kennen und traf mit ihm öfters im Offizierskasino zusammen. Charles Louis startete im Jahre 1836 in Strassburg den bekannten fehlge- schlagenen Versuch, sich zum Kaiser von Frank- reich ausrufen zu lassen.193 Im Jahre 1838 trat Karl Schädler aus dem bündne- rischen Kontingent des eidgenössischen Militärs aus.194 Mit der Aufnahme seiner Praxis in Ems bewarb sich Schädler auch um die Mitgliedschaft bei der Grau- bündner Ärztegesellschaft und er wurde an deren Hauptversammlung am 17. Dezember 1830 aufge- nommen.195 In der Dezemberversammlung 1832 hält er dann vor dem Verein sein erstes Referat über «Lähmung der unteren Extremitäten, durch Strych- nin geheilt.» Aber schon ein Jahr später, im De- zember 1833 wird «den verehrlichen Mitgliedern der Gesellschaft angezeigt, dass die Herren Dr. Schädler (Sohn), Rüedi und Thomas aus der Gesell- schaft ausgetreten sind.»196 Das Protokoll schweigt sich allerdings darüber aus, welche Gründe die drei jungen Mitglieder zum Austritt bewogen hatten. 
Wahrscheinlich war es eine Demonstration der Jungen gegen die starre, patriarchalische Handha- bung der Statuten, die auch «Verfassung» oder «Gesetz» genannt wurden. Doch die drei traten 1834 und 1835 der Gesellschaft wieder bei. Aber schon ein Jahr später wurde Karl Schädler «nach beste- hender Verordnung in 1 Thaler Strafe verfällt» weil er keine Abhandlung eingeliefert habe, «wie es ihm obgelegen hätte». Ausserdem wurde «die Ein- cassierung des Cautionsthalers» beschlossen. Die Ärztegesellschaft hatte auch einige medizini- sche Fachjournale abonniert, welche man dann 176) I.e. 177) «Über die Leber und ihre Funktion». Ein handschriftliches Exemplar der lateinisch verfassten Doktorarbeit wird im Archiv der Universität Erlangen aufbewahrt. 178) LLA RC 11/21 und FamARh Sch. 179) LGB1. Nr. 3, 1874. Gesetz vom 8. 10. 1874. 180) Schädler. Landtag, JbL 3, S. 14. 181) Staatsarchiv Graubünden, CB II, 846, 1822-1831. 182) Staatsarchiv Graubünden, CB II, 846. 183) Staatsarchiv Graubünden. Chur CB II, 846. 184) I.e. 185) Dr. Hannibal Schlegel (1802-1846) wirkte später einige Jahre als Arzt in Schaan und Vaduz, siehe auch S. 99 ff. 186) Zwischen Liechtenstein und Graubünden bestand schon seit 1821 ein Freizügigkeitsabkommen. Siehe Quaderer, S. 228, Anm. 38. 187) Gebhard Schädler an Oberamt, LLA RC 61/7. 188) Staatsarchiv Graubünden, XI, 15. 189) Staatsarchiv Graubünden, CB II, 846. 190) Schweizer. Bundesarchiv, Bern, Tagsatzungsperiode Inventar Nr. 1306, S. 898/899 und Nr. 1305, S. 1-3. 191) Albert Schädler. Chronik Seite 9. Siehe auch Thun und unsere Wehrbereitschaft, Thun 1988. 192) Persönliche Mitteilung von Herrn Dr. R. Beck-von Büren, Solo- thurn. 193) Charles Louis Napoleon, Sohn des Louis Napoleon und der Hortense Beauharnais, geboren 1808, gestorben 1873. 194) Staatsarchiv Graubünden, CB II, 847 und XI 15. 195) Protokollbuch, Dezember 1830, Archiv der Graubündner Ärzte- gesellschaft. 196) Protokollbuch, Dezember 1833, Archiv der Graubündner Ärzte- gesellschaft. 49
        

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