LIECHTENSTEINER ÄRZTE DES 19. JAHRHUNDERTS RUDOLF RHEINBERGER Hygiene kannte. Mag Grass auch anfänglich sich in seinem Berufe als Landschaftschirurg bewährt haben, so scheint sein Interesse daran im Laufe der Jahre immer geringer geworden zu sein. Dafür engagierte er sich in zunehmendem Masse in der Politik und erwarb sich als Vertrauter des Landvogtes Menzinger und dessen Frau29 schliess- lich einen grossen Einfluss, auch auf Dinge, die ihn als Landschaftsarzt eigentlich gar nichts angingen. Das Vertrauen des Landvogts Franz X. Menzinger scheint er aber in ziemlich schamloser Weise zu seinem eigenen finanziellen Vorteil missbraucht zu haben. Hofrat Georg Hauer macht es in seinem Bericht nach Wien30 ganz deutlich: «(Es) ist keine Ursach vorhanden, dem Chyrurgus Grass die Stey- erbefreyung von seinen Capitalien zuzugestehen, das Gesuch wäre abzuweisen und wider denselben bey unrichtiger Fassion31 nach strenge des Geset- zes zu verfahren. Er ist eigentlich derjenige, wel- cher die Schwäche des Landvogts zu seinem Vort- heil und (zum) Druck des Unterthans benutzet, er ist der erste Regent des Fürstenthums und seine Listen (sind) undurchdringlich. Er und seine Consorten sind hier das, was vormals auf der Herrschaft Ostrau die Juden waren ...» Und weiter erfährt man, dass er auch bei der Abfindung der Schadens- forderungen, die noch aus den Kriegsereignissen 1799-1801 herrührten, eine zwielichtige Rolle gespielt haben muss und auch diese traurigen Umstände zum eigenen Vorteil zu nutzen wusste. Hauer schreibt: «Es gibt zu viele Sonderheiten in dieser Kriegsschaden-Angelegenheit, welche der Chyrurg Grass und (der) Amtsschreiber am besten zu entwickeln32 vermögeten, wenn sie eine Gene- ralbeicht ablegen wollten. - Beide hatten grosse Forderungen in Berechnung (gestellt) ohne einen Kreutzer Unkosten getragen zu haben . . . Dies konnten sie ungehindert tun, weil der Vorgesetzte ihre Puppe war, mit der sie nach Willkür spielen durften.»33 Bei allen diesen schweren Anschuldi- gungen darf man allerdings nicht vergessen, dass dem fürstlichen Abgesandten Hauer alle hiesigen Beamten suspekt waren, und als «Hiesige» galten dem Mähren Hauer auch der aus Süddeutschland stammende Landvogt Menzinger und der Vorarl-16) 
Tschugmell, die Maurer Geschlechter, JbL 31, S. 95 und Tschug- mell, die Maurer Geschlechter, JbL 41, S. 134/135. 17) Dr. Albert Schädler. Familienchronik, Abschrift FamAFth Sch. Dr. Albert Schädler hat die «Familienchronik» 1921 in München geschrieben. Er wohnte dort in seinen letzten Lebensjahren bei der Familie seiner Tochter Elwine. Die «Chronik» will keine wissenschaft- liche Dokumentation sein. Der Verfasser vieler wissenschaftlicher Arbeiten schreibt hier bewusst im Erzählton und bevorzugt das Anekdotenhafte. Er stützte sich dabei auf sein Gedächtnis und einige Notizen. Dies erklärt auch, warum einige Daten nicht ganz zuverlässig sind, da er das Regierungsarchiv nicht mehr zur Verfügung hatte. Ich werde Daten, die nicht mit denen der Originalurkunde überein- stimmen, in der vorliegenden Arbeit entsprechend korrigieren. 18) Tschugmell, Maurer Geschlechter, JbL 31, S. 95. 19) Tschugmell ist in «Maurer Geschlechter», JbL 41, S. 134/135 ein Irrtum unterlaufen, insofern, als nicht Johann Georg Gebhard Schäd- ler, geboren 6. 4. 1734 im Jahre 1803 in Eschen eingebürgert wurde, sondern dessen Sohn Josef Gebhard Michael, geboren 21. 9. 1776. Auch ist nicht der erstere, sondern der letztere im Jahre 1809 Landesphysikus geworden. 20) Tschugmell, Beamte 1681-1840, JbL 47, S. 66. 21) LLA Rentamtsrechnung per 1784: «der Tschaggaturm, welches zwey Zimmer gewesen . . .» Malin Georg, Baugeschichte der Musik- schule in Vaduz, JbL 68, S. 223, Anm. 3, 4, 5. 22) Matrikelbuch I der Pfarrei Braz. 23) Franz A. Leu, Pfarrer in Braz, Diplomarbeit 1986 von Werner Jochum, Braz, S. 24 und S. 193, Masch, geschr. 24) Vorarlberger Landesarchiv, Vogteiamt Bludenz 1390. 25) Vorarlberger Landesarchiv, Vogteiamt Bludenz 1256. 26) E. Somweber, Medizin in Vorarlberg, Bregenz 1972 und K. H. Burmeister, Kulturgeschichte der Stadt Feldkirch, Thorbecke Sigma- ringen 1985. 27) Verhörprotokoll v. 18. febr. 1791, Vogteiamt Bludenz 1407. Vorarlberger I.andesarchiv. 28) Matrikelbuch I, Braz. 29) In den «Notizen» David Rheinbergers wird er als «Hofmacher» der Frau Landvogt bezeichnet. FamARh G 6. Maria Theresia Menzinger war eine geborene von Stubenrauch, Tochter eines kaiserlichen Hofbeamten in Wien. 30) Paul Vogt, Lokalisierungsbericht 1808, JbL 83, S. 94, Nr. 2. Hofrat Hauer, einer der leitenden Beamten der fürstlichen Hofkanzlei in Wien, war von Fürst Johann I. im Jahre 1808 nach Liechtenstein entsandt worden, um einerseits eine Bestandesaufnahme vorzuneh- men und andererseits die Möglichkeiten einer politischen und ökono- mischen Reorganisation zu prüfen. 31) Fassion = Steuererklärung. 32) entwickeln = aufzuklären. 33) Paul Vogt, Lokalisierungsbericht Hauers 1808, JbL 83, S. 122. 25
        

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