LIECHTENSTEINER ÄRZTE DES 19. JAHRHUNDERTS RUDOLF RHEINBERGER keine Ausbildung zur Behandlung innerer Krank- heiten besassen. Ausser der Wundbehandlung be- stand ihre Tätigkeit vor allem im Verabreichen von Klistieren, Schröpfen, zur Ader lassen, Setzen von Blutegeln, Ziehen von Zähnen etc. Es gab aber immer wieder Epidemien von anstek- kenden Krankheiten, bei denen die Kranken weder eine fachgerechte Pflege, noch eine ärztliche Hilfe erwarten konnten. Unter den Epidemien forderten Pocken, Typhus und Cholera am meisten Todesop- fer.13 Auch P. Gabriel Reinhard berichtet über eine Epide- mie in Triesen: «Ich war unlängst ein Augenzeuge des Elends, da in der Gemeinde Triesen eine Menge Menschen an einer epidemischen Krankheit hülf los dahinstarb, bis endlich ein zufällig ins Land gekom- mener evangelischer Medicus Namens Dr. Gmelin denen armen Leuten nicht nur gratis beisprang, sondern wohl gar noch der Armut verschiedener Kranken aus seinem eigenen Beutel unter die Arme griff.» Um welche Krankheit es sich hier konkret handelte, konnte ich nicht mit Sicherheit ermitteln. Am ehesten war es Typhus. P. Gabriel Reinhard machte bei dieser Gelegenheit die Anregung, einen erfahrenen Arzt für das Land anzustellen.14 Am meisten Opfer forderte aber die hohe Kinder- sterblichkeit, vor allem der Säuglinge, die oft nur einige Stunden oder Tage lebten, wenn sie über- haupt lebend zur Welt kamen. Die Schuld daran trugen das Fehlen von geschulten Hebammen und geburtshilflich ausgebildeten Ärzten, die schlechten hygienischen Verhältnisse und der allgemein elen- de Gesundheits- und Ernährungszustand der Müt- ter. Die Frauen im gebärfähigen Alter hatten meist nur kurze Intervalle, in denen sie nicht schwanger waren, und doch wurden die Familien, eben infolge der hohen Kindersterblichkeit, nicht zu gross. Noch im Jahre 1789, also nicht einmal ein Jahr nach seinem Dienstantritt, schickte der Landvogt F.X. Menzinger einen Bericht15 nach Wien, aus dem hervorgeht, dass in der Zeit seit P. Gabriel Reinhard, also unter dem Landvogt Gilm von Rosenegg, die Zustände sich nicht im geringsten gebessert hatten. «Im ganzen Lande ist keine 
Hebamme, die die Kunst erlernet hat, ausser die hiesige, welche aber auch nur da geschickt ist, wo es keinen Anstand hat, daher so viele krippelhafte Kinder, vernachlässigte Weiber etc.» Menzinger sah auch, aufweiche Weise diesem Übel abzuhelfen gewesen wäre, um aber im gleichen Augenblicke schon wieder zu resignieren - ohne selbst tätig eine Abhilfe zu suchen: «Was die Hebammen anbelangt, so sollte doch, wo nicht an jedem Orte, wenigstens bei jeder Gemeinde eine seyn, die die Kunst gelernt hätte und wohl verstünde; die diesfälligen Kosten wären so gross 
nicht; aber an tauglichen Personen dürfte es fehlen und wir glauben, dass nicht für jede Gemeinde eine im ganzen Lande ausfindig zu machen wäre.» Schuppler löste - wie wir noch sehen werden - dieses Problem zwanzig Jahre später auf die ihm eigene pragmatische Art in kürzester Zeit. 2) 1672-1679 3) 1701-1714 4) Franz Wilhelm, Ferdinand Karl und Jakob Hannibal von Hohen- ems. 5) Peter Kaiser S. 369. Nach dem Vertrag vom 22. April 1614 hatten die beiden Landschaften eine als «Schnitz» bezeichnete Abgabe zu entrichten, die Herrschaft aber die Reichs- und Kreisabgaben zu übernehmen. 6) Peter Kaiser, S. 450 und 464. 7) Peter Kaiser, S. 468. 7a) Siehe auch Martin Risch, Die Armenpflege im Wandel der Zeit, L. Vo., 7.9.1955. 8) Gerhard Wanner, Aspekte zur liechtensteinischen Wirtschafts-und Sozialgeschichte um 1800, JbL 70, S. 488/489. 9) «Tagbuch über die Militär-Einquartierung und Verpflegung» 1798-1799 von Joh. Rheinberger, Amtsbote FamARh D 18/19. 10) Meinrad Tiefenthaler, P. Gabriel Reinhard, JbL 35, S. 125 ff. 11) gelehrte = gelernte. 12) Tschugmell, Beamte 1681-1684, JbL 47, S. 66. 13) G. Wanner, Aspekte, JbL 70, S. 468 ff. 14) Meinrad Tiefenthaler, P. Gabriel Reinhard, JbL 35, S. 125. 15) Bericht vom 17. Juli 1789, LI..A RA XIII/1. 23
        

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