Das ausgehende 18. Jahrhundert Die soziale und wirtschaftliche Lage sowie die Zustände im Gesundheitswesen einer Zeit sind stets eng miteinander verknüpft. Bevor wir uns den einzelnen Ärzten in Liechtenstein zu Beginn des 19. Jahrhunderts zuwenden, ist es daher notwen- dig, diese Lage etwas näher zu betrachten. Ganz allgemein kann man festhalten, dass in den letzten Dezennien des 18. Jahrhunderts echte Not im Lande herrschte. Die Armut hatte schon hundert Jahre zuvor einen Höhepunkt erreicht, als zur Zeit der Hexenverfolgungen die eigene gräfliche Herr- schaft die Bevölkerung völlig ausgepresst hatte. Und die weiteren Umstände, die vielen Truppen- durchmärsche und Winterquartiere, angefangen vom Krieg Frankreichs gegen Kaiser Leopold I.2 bis zum spanischen Erbfolgekrieg3, dann die Misswirt- schaft der Hohenemser Grafen4, gefolgt von der Auferlegung neuer Abgaben und Fronen und dem Bruch des Vertrages von 16145, Hessen eine wirt- schaftliche Erholung nicht zu. Und die nächsten hundert Jahre sollten keine wesentliche Besserung bringen. Auch jetzt blieb das Land infolge seiner Durchgangslage von Truppen- durchzügen nicht verschont.6 Die Abgaben an den Schwäbischen Kreis und an das Reich wurden immer drückender. Liechtenstein musste als Stand des Reiches sein Kontingent stellen und die Beiträ- ge an die schwäbische Kriegskassa leisten.7 «Frem- des Gesindel und Räuberbanden» durchzogen das Land. Missernten durch Dürre, grosse Über- schwemmungen sowie Mangel an Vieh führten zu einer steten Teuerung. Eine Folge dieser allgemei- nen Verarmung war auch das Bettlerwesen, dessen Bekämpfung zum Problem wurde.7" Dann aber kamen die politischen Wirbel und krie- gerischen Schrecken der Neunzigerjahre und der Wende zum 19. Jahrhundert. Es ist nicht einfach, sich über jene wirren Zeiten ein klares Bild zu machen und die einzelnen Ereignisse, die sich in unserem Land abspielten, in einen grösseren Zusammenhang zu stellen. Die Unruhe bei uns begann mit der Kriegserklärung Frankreichs an Österreich im Jahre 1792. Direkt betroffen wurde unser Land aber erst im Dezember 1794, als österreichische Truppen nach 
Vorarlberg und Liechtenstein verlegt wurden. Im August 1796 kamen die Franzosen erstmals in bedrohliche Nähe, als sie bei Bregenz die österrei- chischen Truppen schlugen und plündernd bis Götzis vordrangen. Doch sie mussten sich zu- rückziehen, ohne unsere Grenze erreicht zu haben. Erst im Herbst 1798 begannen die eigentlichen kriegerischen Ereignisse im oberen Rheintal, als die Franzosen von Westen her anrückten und von Ragaz bis zum Bodensee das linksseitige Rheinufer besetzten. Gleichzeitig standen die Österreicher am rechten Ufer des Rheins - auch in Liechtenstein. In dieser Zeit strömten zahlreiche Flüchtlinge aus der Schweiz, welche fürchteten, durch die neuen Machthaber rekrutiert zu werden,8 ins liechtenstei- nische Ober- und Unterland. Die schlimmste Zeit aber folgte in den Jahren 1799 bis 1801, als unser Land wiederholt, abwechselnd von Franzosen, Österreichern und Russen durchzogen und besetzt wurde. Über 38000 Quartiertage zählte man allein in der Gemeinde Vaduz für Offiziere und Mann- schaften innerhalb dieser 2 Jahre.9 Durch diese Einquartierungen, durch Plünderungen und Kontri- butionen war das Volk bis aufs äusserste verarmt und ausgeblutet, durch Mord, Krankheit und Hun- ger demoralisiert. In diesem desolaten Zustand trat Liechtenstein ins 19. Jahrhundert ein. Ein bezeichnendes Schlaglicht auf die Zustände im Gesundheitswesen Liechtensteins gegen Ende des 18. Jahrhunderts wirft der Bericht des fürstlichen Administrators P. Gabriel Reinhard vom Jahre 1771.10 P. Reinhard schreibt in diesem Bericht: «Endlich jammert das Land, dass in dem ganzen Fürstentum weder ein Medicus noch ein erfahrener Chyrurgus, ja nicht einmal eine gelehrte11 Hebam- me vorhanden sei, so dass von Zeit zu Zeit viele Kranke und sowohl Mütter als Kinder aus Mangel der bedürftigen Hülfe verwahrloset werden.» Zu dieser Zeit war als Arzt nur der Landschaftschy- rurg Valentin Pümpel12 in Vaduz tätig, der aber nach Pater Gabriel Reinhard das Prädikat «erfahre- ner Chyrurgus» ganz offenbar nicht verdiente. Diese damaligen «Chyrurgen» waren mehr oder weniger gut ausgebildete Wundärzte, die aber 22
        

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