PETER KAISER UND SEIN WIRKEN IN GRAUBÜNDEN MARTIN BUNDI Soweit einige Gedanken aus Kaisers Erziehungs- schrift. Nebst der Sorge um die Lehrerbildung lag ihm auch eine gute Allgemeinbildung für junge Leute, die nachher ins Handwerker- oder Ge- schäftsleben übertraten, am Herzen. Zu diesem Zwecke hatte man an den Kantonsschulen die Realabteilung geschaffen. Mit diesem neuen Schul- typus hatte sich Kaiser schon in Aarau intensiv auseinandergesetzt. In seinem Exkurs im Pro- gramm von 1831 verteidigte er die erst vor kurzem errichtete Realabteilung. Diese sei nur eine höhere Bürgerschule, besitze eine praktische Tendenz, schliesse aber die Theorie nicht aus; sie lockere den starren Mechanismus des gesellschaftlichen Lebens und ermögliche dem industriellen und ge- werblichen Teil der Bevölkerung und auch den Söhnen der Landschaft eine umfassendere Bildung. Die Jünglinge würden nach Vollendung ihres Kur- ses zu den ländlichen Geschäften zurückkehren.1' Der Staat habe erkannt, dass es von gutem sei, diese Realabteilung neben der traditionellen hu- manistischen Abteilung (Gymnasium) zu führen, welche ihrerseits die jungen Leute zu einem wis- senschaftlichen Beruf wie Theologen, Juristen und wissenschaftliche Lehrer vorbereite. - Der Unter- richtsplan der Realabteilung unterschied sich vom Gymnasium hauptsächlich dadurch, dass er die alten Sprachen ausklammerte. In Disentis waren die Realschüler zudem gehalten, die französische oder italienische Sprache nach ihrer Wahl zu ler- nen. Die Idee der Realschule erhielt damals in der Schweiz einen grossen Auftrieb durch die Errich- tung der sog. «Nationalerziehungsanstalt» durch Philipp Emanuel von Fellenberg 1830 in Hofwil, wo auch die Methode des wechselseitigen Unterrichts (Monitorensystem) Eingang fand.18 Die intensive theoretische und praktische Ausein- andersetzung mit pädagogischen Fragen hielt Kai- ser frisch und in Schwung und verhinderte ein Abgleiten in die Routine. Vom hohen Ideal des Bildungsauftrages beseelt, unterrichtete er auch in Chur, als die katholische Kantonsschule 1842 aus geographischen Gründen wieder ins Priestersemi- nar nach St. Luzi transferiert wurde. Auch als Rektor dieser Schule 1848 bis 1850 und als Vizerek-tor 
oder Konrektor der vereinigten Kantonsschule 1850 bis zu seinem Tode 1864 besass Kaiser den Ruf einer «verehrungswürdigen Persönlichkeit».19 In Chur lehrte Kaiser die Seminarfächer alte Spra- chen, Deutsch und Geschichte. Die Beschäftigung mit der rätischen Geschichte liess ihn nicht los. So veröffentlichte er im Programm der Kantonsschule 1862 seine «Beiträge zur Geschichte Graubün- dens» und 1852 im Auftrage des Erziehungsrates «Graubündner Geschichten, erzählt für die refor- mirten Volksschulen».20 Es handelte sich zumeist um die gleiche Materie, die er schon zuvor wissen- schaftlich abgehandelt hatte und die hier mehr in Lehrmittelform präsentiert wurde. Auch die Sorge um das Volksschulwesen beschäftige ihn weiterhin. Zur Fragestellung «In welchen Beziehungen könnte die neue Volksschule ihre Aufgabe nicht erfüllen oder auf Abwege geraten?» der Schweizerischen gemeinnützigen Gesellschaft über Erziehungswe- sen, Gewerbefleiss und Armenpflege und zu den dazu eingegangenen Arbeiten wurde Peter Kaiser u.a. als Experte zugezogen. Sein diesbezügli- cher Bericht von 1850 war eine seriöse Auseinan- dersetzung mit den neuen Strömungen, Hoffnun- gen und Enttäuschungen der noch jungen Volks- schule.21 EIN MANN DER MITTE UND DES AUSGLEICHS Wer in der Mitte weilt, kann zwischen die Fronten geraten. Diese Erfahrung musste Kaiser in seinem Leben mehr als einmal machen. Als tiefreligiöser Mensch von temperamentvollem Naturell in der Jugend, bescheidenem Wesen, aber aufgeschlossen für alle Fragen, welche die bestmögliche Entfaltung 17) Programm der Aargauischen Kantonsschule 1831, S. 4 18) Lexikon der Pädagogik, Bd. III, S. 131 19) Bazzigher, Geschichte der Kantonsschule, S. 74 20) Zugabe zu dem Schulprogramm von 1862. - Zugabe zum vierten Schulbuch, Chur 1852 21) Neue Verhandlungen der Schweiz, gemeinnützigen Gesellschaft, Chur1850 147
        

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