PETER KAISER UND SEIN WIRKEN IN GRAUBÜNDEN MARTIN BUNDI stentums Liechtenstein, ein Thema, das nicht zu meinem Vortrag gehört, fehlte die kritische Be- trachtung auch keineswegs. Diese bestand eigent- lich in nichts anderem als in offenen Aussagen über Zustände von Ungleichheit, Rechtlosigkeit und Er- niedrigung, die naturgemäss in einer Zeit erman- gelnder demokratischer Strukturen nicht gerne zur Kenntnis genommen wurden. Im übrigen verharrte Kaiser auch - gemäss dem Forschungsstande seiner Zeit - bei einigen überholten Vorstellungen, die erst durch die Forschungen von Peter Conradin Planta über «Das alte Rätien» und von Benedikt Bilgeri in seiner «Geschichte Vorarlbergs» korrigiert und ins richtige Licht gerückt wurden. LEHRER UND ERZIEHER Kaiser wurde bekanntlich nach seinen Lehr- und Wanderjahren und nach seiner Lehr- und Rekto- rentätigkeit an der Kantonsschule Aarau 1837 an die katholische Kantonsschule in Disentis als Rektor berufen. Dieser konfessionellen Mittelschule, die bis 1833 mit wenig Erfolg und in unbefriedigender Weise im Priesterseminar in St. Luzi in Chur geführt worden war, galt es, zu einem neuen Profil zu verhelfen. Kaiser erwies sich dazu als die geeignete Persönlichkeit. An Universitäten im Ausland be- stens vorgebildet und an den Instituten von Fellen- berg in Hofwil und Pestalozzi in Yverdon mit den Problemen der Schulpraxis und der Erziehung vertraut, war er für seine Aufgabe gut vorbereitet. Allein es stellten sich erhebliche Schwierigkeiten ein. «Mit unzureichenden Mitteln musste er die Schule erhalten. Für eine geringe Besoldung erteilte er eine grosse Zahl von Unterrichtsstunden, half aus, wo es an geeigneten Lehrmitteln gebrach. Dabei wurde ihm im geheimen entgegengearbeitet. Die bischöfliche Kurie stand der Schule in Disentis ablehnend gegenüber und besass Mittel genug, ihr Schwierigkeiten zu bereiten. Trotz aller Anfechtun- gen harrte Kaiser als selbstloser, pflichttreuer Mann auf dem entsagungsvollen Posten aus.»1" Insgesamt umfasste die katholische Kantonsschule in Disentis mit ca. 90 Schülern und zehn Lehrern 
vier Abteilungen, von denen häufig mehrere Klas- sen zusammengezogen und gemeinsam unterrich- tet wurden. Es gab da eine je aus zwei Klassen bestehende Vorbereitungsschule, eine Schullehrer- bildungsanstalt und eine Realschule sowie ein aus sechs Klassen bestehendes Gymnasium. Kaiser un- terrichtete Latein, Griechisch und Deutsch am Gym- nasium und Pädagogik oder «Erziehungs-, Unter- richts- und Seelenlehre», wie das Fach genannt wurde, sowie Methodik an der Schullehrerabtei- lung. Seine besondere Zuwendung galt der Ausbil- dung künftiger Volksschullehrer. Die Schüler kamen häufig mit sehr rudimentären Vorkenntnissen in die Kantonsschule. Je nach dem Grad ihrer Vorbildung wurden die «Schulpräparanden», wie die Lehr- amtskandidaten bezeichnet wurden, in den meisten Fächern gemeinschaftlich mit den Schülern der Vorbereitungsschule oder der Realschule unter- richtet. Praktisch übten sie sich in der Methodik in den Klassen der Vorbereitungsschule." Die Klein- heit der Klassen gestattete es den Lehrern, recht individuell auf die Veranlagungen und Bedürfnisse der Zöglinge einzugehen. Das Schulwesen des katholischen Volksteils lag damals teilweise in arger Verwahrlosung. Kaisers Ziel war es, es emporzuheben und grösstenteils neu zu schaffen. Mit tatkräftiger Hilfe einiger Männer, insbesondere aus den Reihen des katholischen Schulrates, und des Abtes von Disentis ging er an diese Aufgabe heran. Konkret hiess das, in erster Linie gute Volksschullehrer auszubilden. «Seinen Zöglingen legte er mit eindringlicher Beredsamkeit ans Herz, sich als Lehrer ihrer sittlichen Aufgabe stets bewusst zu sein, sich leidenschaftlicher Partei- 7) Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein, 1847, S. 4 8) Programm der katholischen Kantonsschule Disentis 1840, S. 3-10 9) Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein, 1847, S. 23 10) Pieth, Bündnergeschichte, S. 382 11) Vgl. Programm der katholischen Kantonsschule 1838, 1839, 1840 143
        

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