DAS HAUS LIECHTENSTEIN IN DER DEUTSCHEN LITERATUR / GRAHAM MARTIN Ulrich I. LIECHTENSTEIN-MURAU CA. 1200-1275 Sind sich die Historiker und Genealogen einig, dass die österreichisch-mährischen Liechtensteiner (Ni- kolsburger Linie) und die steirischen Liechtenstei- ner (Murauer Linie) nicht stammesverwandt wa- ren31, so besteht ein hartnäckiger Glaube unter Lite- raten und sogar unter Literaturwissenschaftlern, dass die beiden führenden Persönlichkeiten um die Mitte des 13. Jahrhunderts, Ulrich und Heinrich von Liechtenstein, nicht nur verwandt, sondern gar Brü- der gewesen seien! Unter den Vertretern des Geschlechts Liechtenstein ist Ulrich in literaturwissenschaftlicher Hinsicht bei weitem der bedeutendste, ist er doch selber als Dichter hervorgetreten. Er ist nämlich als Minne- sänger sowie als Verfasser des ersten autobiogra- phischen Romans in der deutschen Literatur be- kannt. Wie oben (unter «Heinrich L») erwähnt, ist die herrschende Meinung in der Germanistik, seine Versepik Vrouwen dienest (1255 fertiggestellt) sei eine Scheinautobiographie, da die meisten der darin geschilderten Begebenheiten mit historischen Ereig- nissen seiner Zeit und mit den vielen überlieferten Urkunden, die die geschichtliche Persönlichkeit do- kumentieren, nicht übereinstimmen. Aus den beiden Gründen, dass Ulrich kein eigentli- cher Verwandter der Ahnherren des Fürstenhauses Liechtenstein war32 und dass er als Dichter an ande- ren Orten ausführlich behandelt wurde33, wollen wir uns hier nicht eingehend mit ihm auseinanderset- zen. Ulrich war seinerzeit in der Steiermark politisch sehr aktiv, und er spielte unter den wechselnden Herrschaften in jenem Herzogtum jahrzehntelang eine führende Rolle. In dieser Eigenschaft kommt er in Grillparzers König Ottokars Glück und Hude (sie- he die vorhergehenden Abschnitte) vor; hier tritt er auf der Bühne auf und wird angeredet, hat aber eine stumme Rolle. Im zweiten Aufzug bezieht sich Otto- kar auf sein Misstrauen gegenüber Ulrich, den er «der glatte Ulrich» nennt (V. 1032); etwas später verhaftet ihn Ottokar nebst anderen österreichi- schen Adligen (1268). Als Ottokar diese Geiseln im vierten Aufzug freilässt, verspottet er Ulrich und sagt ihm rundheraus: 
Du hast mich nicht geliebt; je, ich dich auch nicht! (2299) Diese dramatischen Reibungen spielen auf die Tat- sache an, dass der historische Ulrich abwechselnd für und gegen Ottokar handelte. Grillparzer erwähnt ausdrücklich keine Verwandt- schaft zwischen Ulrich und Heinrich von Liechten- stein, scheint sie allerdings insofern als nähere Ver- wandte zu betrachten, als er sie nebeneinander stellt. Vor allem durch folgende Verse (1031 f.) im zweiten Aufzug, als von der Geiselnahme die Rede 29) Friedrich Sengle, Das historische Drama in Deutschland. Stutt- gart T969, S. 118. Trotz der allgemeinen Popularität von Pichlers literarischen Erzeugnissen scheint dieses Werk nicht aufgeführt wor- den zu sein (vgl. Fr. Stieger. Opernlexikon, Tl. III, 2. Bd., Tutzing 1980, in dem inszenierte Librettos von K. Pichler aufgelistet sind). Ob das Werk je vertont wurde, entzieht sich unserer Kenntnis. 30) Siehe Anm. 2; S. 31-34. 31) Falke. I. S. 9-16. Trotzdem-und irreführenderweise - nimmt Falke nicht nur das steirische Haus Liechtenstein in seine Geschichte des Fürstenhauses auf, sondern er widmet ihm über 200 Seiten im ersten Band und behandelt es vor dem österreichisch-mährischen Haus! In seiner Arbeit «Der Dichter Ulrich von Liechtenstein und die Herkunft seiner Familie», in: Festschrift Friedrich Hausmann, hrsg. von Herwig Ebner, Graz 1977, S. 93-118, bestätigt Heinz Dopsch, dass die, steirischen und österreichischen Liechtensteiner keine Stam- mesgleichheit besassen. führt dann überzeugende Beweise dafür an. dass das Haus Liechtenstein-Murau dem Geschlecht der Herren von Traisen und Feistritz entstammte, welche ihrerseits aus dem Traisen- tal in Niederösterreich (nicht sehr weit vom Territorium der Stamm- väter der Nikolsburger Liechtensteiner!) herrührten. Was nach unse- rer Ansicht also noch am meisten einer Untersuchung bedarf, wäre der Ursprung des Namens der jeweiligen Burgen Liechtenstein, in Niederösterreich (bei Mödling) und in der Steiermark (bei .Judenburg). 32) Trotz dieser Tatsache wird Ulrich im heutigen Fürstentum Liech- tenstein gern als kulturträchtiges Symbol angewandt. Die akademi- sche Verbindung Rheinmark, zum Beispiel, trägt ein Bild des Minne- sängers, nach seiner bekannten Darstellung in der Manessischen Liederhandschrift, auf ihrer Fahne. Auch gibt es seit neuestem ein «Vokalensemble Ulrich von Liechtenstein». 33) Vgl. die Bibliographie in Franz Viktor Spechtlers Ausgabe des «Frauendienst» Ulrichs von Liechtenstein, Göppingen 1987, S. XXI-XXV. 93
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.