manche Gemeinden dringende Einnahmen durch Einbürgerung vermöglicher Ausländer. 1937 waren 67 Personen eingebürgert worden, darunter 40 we- gen jüdischer Herkunft in Deutschland Verfolgte. Daraus nahmen Gemeinden und Land allein 1937 zusammen fast eine Million Franken ein, und die Sparkasse erhielt einen Zufluss von gut 800 000 Franken an Kautionsgeldern.7 Das Land schaffte mit den Mitteln Notstandsarbeit, am Binnenkanal, bei den Entwässerungsgräben in der Rheinebene, bei Rüfeverbauungen, beim Aus- bau und Teeren von Strassen. Das Arbeitsamt teilte die Arbeitsuchenden zu. Es musste ausgelesen und abgewechselt werden. Ein bitterer Verteilungs- kampf herrschte. Das gleiche galt für die Vergabe von Aufträgen. Heiss umstritten waren die raren Staatsstellen, besonders bei Polizei und Post. Nack- ter Not begegnete man mit direkter Unterstützung: Die Regierung sprach in der wöchentlichen Sitzung mit den ersten rund 30 Traktanden Notbeiträge von je etwa 25 bis 50 Franken zu." Auch der Landesfürst bedachte manche mit Unterstützung. Die Regierung subventionierte 1937 auch Arbeits- löhne bei privaten Bauarbeiten,1* zahlte 15% an im Inland gekaufte Brautausstattungen, um Schreiner und Sattler zu stützen,10 und schuf dem Schneiderge- werbe Arbeit, indem sie eine liechtensteinische «Einheitskleidung» für über 700 Schulkinder sub- ventionierte." Inländer, die - ungern genug — Knechtstellen annahmen, erhielten eine «Knecht- prämie»12. Diese Massnahmen wurden 1938 weiter- geführt. Bis Ende 1937 konnten die meisten Liechtensteiner einigermassen beschäftigt werden, zumal auch pri- vat wieder etwas mehr gebaut wurde.1' Aber im Februar und März, unmittelbar vor und nach dem österreichischen Anschluss und das weitere Jahr hindurch waren Liechtensteiner wieder arbeitslos. Aus Eschen schrieb ein Mann Mitte März 1938 an die Regierung: «Ich bin nun schon seit Ende Septem- ber arbeitslos»; «... wenn ich so zum Fenster hin- ausschaue, ... so kommt man unwillkürlich zu dem Punkt, also du musst einfach zugrunde gehen».14 Auf solchem Hintergrund sind die innenpolitischen Verhältnisse zu betrachten. 
INNENPOLITISCHE SITUATION: PARTEIENSTREIT Liechtenstein war seit zwei Jahrzehnten vom hefti- gen Parteienstreit zerrissen.1' Die konservativ-bäu- erliche Fortschrittliche Bürgerpartei regierte seit 10 Jahren, seit der Sparkassenaffäre von 1928, mit Regierungschef Dr. Josef Hoop"', Regierungschef- Stellvertreter Pfarrer Anton Frommelt17, zugleich Landtagspräsident, und Regierungsrat Peter Bü- chel18; vierter Regierungsrat war Alois Schädler1'' von der Vaterländischen Union (VU). Die Bürgerpar- tei verfügte wegen des Majorzwahlsystems im Land- tag über 11 Abgeordnete. Die oppositionelle Vater- ländische Union20 stellte nur 4 Abgeordnete. Sie war zwei Jahre zuvor (Ende 1935) erst durch Fusion der Christlichsozialen Volkspartei mit dem Liechtenstei- ner Heimatdienst entstanden. Die 1918 von Wilhelm Beck21 gegründete Volkspartei, ausgerichtet nach dem liberaldemokratischen System der Schweiz, mit starker Arbeiterkomponente, hatte in den Zwanzi- gerjahren mit Mehrheit regiert. Der Heimatdienst trat 1933 als Erneuerungsbewegung im Stil der Schweizer Fronten auf und sammelte oppositionelle junge Kräfte, geführt von Dr. Otto Schaedler22, Dr. Alois Vogt23 und Freiherr Carl von Vogelsang24. Der Heimatdienst orientierte sich am autoritären Stän- destaat und zusehends an Elementen des national- sozialistischen Deutschland, so auch am Antise- mitismus25. Volkspartei und Heimatdienst schlössen sich auf die 1936er Wahlen hin zur Vaterländischen Union zusammen. Hier dominierte vorerst die akti- vere Heimatdienstlinie, obwohl die breite Wählerba- sis der Volksparteirichtung, vertreten durch Dr. Alois Ritter2'', angehörte. Der vor allem in den Zeitungen mit heute kaum vorstellbarer Heftigkeit geführte Parteienstreit dreh- te sich besonders um den Proporz und damit um Anteil an der Macht, von der sich die Opposition ausgeschlossen sah; in der wirtschaftlichen Krise stritt man um Arbeit und Stellen. Die Opposition warf der Regierung vor, sie begünstige Bürgerpar- teianhänger. Das war auch immer wieder der Fall, wenn auch nicht im behaupteten Ausmass. Immer- hin gehörten die Mehrzahl der Beamten und insbe-
        

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