LIECHTENSTEIN IM JAHRE 1938 PETER GEIGER Einleitung1 1938 war ein Schicksalsjahr: für Österreich, für die Welt - und für Liechtenstein. Im März 1938 er- zwang Hitler den Anschluss Österreichs, im Septem- ber die Abtretung der sudetendeutschen Gebiete der Tschechoslowakei, weitere Schritte bereitete er vor. Die Nachbarn Grossdeutschlands hatten Grund sich zu fürchten - Liechtenstein war seit dem März 1938 Nachbar. Wie weit war Liechtenstein selber wirklich in An- schlussgefahr? Wie reagierte man in Liechtenstein auf die Vorgänge in Österreich? Was für Auswirkun- gen zeitigte die neue Situation für Liechtenstein, im Innern, im Verhältnis zu Deutschland, im Verhältnis zur Schweiz? Und was war dies eigentlich für ein Liechtenstein, das vor 50 Jahren unvermittelt in den Strudel der internationalen Verwicklungen gerissen wurde und in welchem der junge Fürst die Regie- rungsverantwortung übernahm? Mit dieser letzten Frage ist zu beginnen, um die Vorgänge aus den Zeitumständen heraus zu verste- hen. Die dichten, entscheidenden Geschehnisse im März werden eingehender betrachtet, die weiteren Entwicklungen knapper überblickt. Viele heute Le- bende haben das Jahr 1938 als individuelle Wirk- lichkeit selber durchlebt. Der Historiker versucht, in allgemeinerer Weise darzustellen, «wie es wirklich gewesen ist» (Ranke), orientiert an der Wahrheit, behutsam im Werten, ohne Schielen auf die Gegen- wart. Als Grundlage dienten die Quellen des Landesar- chivs, darunter dort liegende Dokumente deutscher und schweizerischer Amtsstellen, Zeitungen, dazu Interviews, die ich mit Zeitzeugen des Landes — unter anderem mit dem Landesfürsten - führen durfte.2 
1) Der vorliegende Beitrag wurde als Festvortrag am 23. September 1988 im Rathaussaal in Vaduz präsentiert, veranstaltet vom Histori- schen Verein für das Fürstentum Liechtenstein anlässlich des 50jähri- gen Jubiläums des Regierungsantritts von Fürst Franz Josef II. Für die Publikation ist der Vortragstext belassen. Anmerkungen und Illustrationen sind beigefügt. Der Autor hat als Forschungsbeauftragter für Geschichte am Liech- tenstein-Institut eine umfangreiche Untersuchung zur Geschichte Liechtensteins in der Zwischenkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg in Arbeit. Der vorliegende, gänzlich aus den Quellen gearbeitete Beitrag ist ein Teil- und Zwischenergebnis. 2) Siehe auch die jährlichen gedruckten Rechenschaftsberichte der Regierung, 1922 ff. (im weiteren kurz Rechenschaftsbericht). - Zum ganzen vorliegenden Thema siehe auch grundlegend die folgenden bisherigen Arbeiten: - Norbert Jansen / Robert Allgäuer / Alois Ospelt (Hg.), Liechtenstein 1938-1978. Bilderund Dokumente, Vaduz 1978 (dazu Sach- und Personenregister. Vaduz 1988). - Joseph Walk. «Liechtenstein 1933-1945, Nationalsozialismus im Mikrokosmos», in: Ursula Büttner (Hg.). Das Unrechtsregime, Internationale For- schung über den Nationalsozialismus, Hamburg 1986, Bd. 1, S. 376-425. - Horst Carl, «Liechtenstein und das Dritte Reich, Krise und Selbstbehauptung des Kleinstaates», in: Volker Press/Dietmar Willoweit (Hg.), Liechtenstein - Fürstliches Haus und staatliche Ord- nung. Vaduz - München - Wien 1988, S. 419-464. - Gerhard Krebs, «Zwischen Fürst und Führer, Liechtensteins Beziehungen zum drit- ten Reich)», in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (Zs.), 9/ 1988, S. 548-657. - Als Erwiderung auf Krebs: wiederum Horst Carl. «Vom Handlungsspielraum eines Kleinstaates», in: GWU 1989/8, S. 486-493. -Adulf Peter Goop, Liechtenstein gestern und heute, Vaduz 1973, S. 286 ff. - Herbert Wille, «Landtag und Wahlrecht im Spannungsfeld der politischen Kräfte in der Zeit von 1918-1939», in: Liechtenstein Politische Schriften (LPS) 8, Vaduz 1981, S. 59-215. 3
        

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