gell, in Schellenberg, in der Binzen, vor Nendeln oder in Schaan in Empfang genommen — mit und ohne Entschädigung - und per Taxi oder zu Fuss nach Sargans und dann nach Zürich weitergeführt. Manche wanderten über Gafadura und Planken."2 Einzelne verirrten sich in den Felsen, auf ihre Hilfe- rufe hin geleiteten sie Mitglieder des Alpenvereins - darunter der spätere Regierungschef Frick - über die Schweizergrenze bei der Luziensteig, wo sie weiterkamen.""3 Ermittelte liechtensteinische Helfer wurden von der Regierung wegen «Emigranten- schlepperei» zwar «scharf verwarnt», aber nicht bestraft.1" Die Regierung hatte die Kontrolle der Schweizer Grenzwacht schon wenige Tage nach dem Anschluss durch nächtliche Patrouillen der Hilfspolizei an den Strassen im Unterland, zeitweilig dann auch auf den Alpenübergängen ergänzt.165 In der Öffentlichkeit nahm man wenig wahr von dieser Flüchtlingstragödie,166 deren letzte Auswirkungen erst mit der späteren totalen Judenvernichtung deutlich wurden. NATIONALSOZIALISTISCHE UMTRIEBE Die äusserlich sichtbaren Erfolge im nahegerückten Reich lockten Unzufriedene in Liechtenstein. Die Ende März 1938 entstandene «Volksdeutsche Bewe- gung in Liechtenstein» organisierte sich in Ortsgrup- pen. Um die Jungen zu erfassen, gründete sie schon Anfang Juni parallel die «Volksdeutsche Jugend» Liechtensteins, die vor allem im Unterland ver- schworene Anhänger gewann; der «Standort» Schaanwald-Nendeln zählte alsbald 18 Leute. Man betrieb Schulung, wanderte, sang und lebte sich in Provokationen aus.167 Bereits am 19. April 1938, dem Vorabend zu Füh- rers Geburtstag, flammte ob Triesen ein 8 m im Geviert messendes Hakenkreuz. Gleiche Zeichen brannten später bei Planken, ob Nendeln und im Eschnerriet.168 Schon nach den Fürstenbesuchen im Mai kam es in Eschen und in Vaduz am späten Abend zu Schlägereien zwischen Anhängern und Gegnern des Nationalsozialismus.169 Die Polarisation 
der Jugend erfolgte bis zu den Schülern herab. Für- stenhaus, Regierung und Landtag förderten die Pfadfinderbewegung17" und die christlichen Jung- mannschaften als «heimattreue» Gegenkräfte.171 Ideologie, Hass und Räuberromantik vermischten sich.172 Die Neigung zur Gewalt nahm zu. In beiden Zeitungen verschwieg man diese Vorgänge.173 Die Sudetenkrise und insbesondere die «Reichskri- stallnacht» zündeten nach Liechtenstein herein. Eine sich steigernde Serie von nächtlichen Papier- bölleranschlägen begann in Eschen und Schaan, vor allem gegen Häuser, die von Juden bewohnt waren, so am 31. Oktober vor dem «Kreuz» in Eschen, dann am 18. November in Eschen/Schönbühl, eine Woche später (25./26. November) in Schaan und darauf eine Woche lang fast täglich wieder in Eschen und Schaan. Dutzende von Scheiben barsten, Menschen waren gefährdet. Verhaftungen und Haussuchungen bei Verdächtigen der «Volksdeutschen Jugend» brachten drei Pistolen, Sprengsätze, Hakenkreuz- binden und nationalsozialistische Literatur zum Vorschein. Die Sprengstoffattentäter waren aber nicht schlüssig zu eruieren.174 Furcht und Nervosität stiegen, bedrohte Politiker Hessen sich Waffenschei- ne ausstellen.175 Was zog die «Volksdeutschen» zum Reich? Man sah Grösse, Glanz, wirtschaftlichen Aufbruch, Arbeit, «Volksgemeinschaft», persönlichen Aufstieg, wäh- rend man im dörflichen Lande teils Enge, teils Not oder Zurücksetzung und Ohnmacht fühlte. Ein Liechtensteiner aus jener Zeit fasst es in den Satz: «Ich hatte keine Zukunft.»176 In einer Angleichung ans Reich sah man Zukunft, über die schwarzen Seiten sah man hinweg; zu fürchten hätte ja nur, wer das Neue nicht mittrüge. Demokratie hatte man nicht gelernt, wohl aber Bolschewisten zu fürchten, Juden zu verachten und das Leben als Kampf zu verstehen. Diese Tendenz, die es seit der Meisterung der Märzkrise in Liechtenstein als Gefahr zu vermei- den galt, machte sich nun gerade offener bemerk- bar. 32
        

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