Die weitere Entwicklung im Jahre 1938 PARTEIENBEFRIEDUNG Schon im Mai 1938 konstatierte Pfarrer Tschuor von Schaan im Kirchenblatt «In Christo» den «Frühling in Liechtenstein» im geistigen und politischen Sin- ne."5 Innenpolitisch ging die Parteienbefriedung voran, nicht ohne Aufflackern der Gegensätze. Neben zehn Bürgerpartei-Hilfspolizisten kamen zehn VU-Leute zu stehen.116 Bei Neueinstellungen und Kommissio- nen wurden Union-Angehörige berücksichtigt. Bei Lehrer- und Vorarbeiterstellen gab es parteibeding- te Wechsel. Arbeit und Aufträge vergab man in Absprache.117 Der Koordination dienten ab Juni je eine fünfköpfige Parteikommission der Bürgerpartei (Dr. L. Marxer) und der VU (Dr. Schaedler)."" In die Aussenpolitik wurde der Regierungschef-Stellvertre- ter Dr. Alois Vogt auf Drängen der VU allmählich einbezogen.1'9 Wirtschaftskrise und Verteilungskampf dauerten an. Arbeit gab es noch nicht für alle.12" Im Herbst ver- suchte man ein Arbeitsbuch zur gerechteren Kon- trolle einzuführen.121 Der Stachel des politischen Neids war weitgehend genommen. Da beide Partei- en in der Regierung sassen, konnte die Regierung auf Kritik statt defensiv nun konstruktiv reagieren. Schliesslich arbeiteten die Parteien das Proporz- wahlgesetz aus, das in den Zwanzigerjahren die Volkspartei und in den Dreissigerjahren die Bürger- partei der jeweiligen Minderheit noch versagt hatte. 1939 wurde der Landtag erstmals nach dem Pro- porz gewählt.122 SCHWIERIGE FINANZLAGE Von den Finanzen her war die Lage schwieriger geworden. Die Sparkasse hatte am 19. März nur durch ein Darlehen, offenbar des Grafen von Ben- dern, vor Zahlungsunfähigkeit gerettet werden kön- nen.123 Der Geldabfluss hielt bis in den Herbst an. Von Ende Februar bis zum Tiefststand Ende Okto- ber 1938 sank bei der Sparkasse (Landesbank) die Kreditorenrechnung um ein Drittel und schmolzen die Guthaben bei Banken auf weniger als 10% zu-sammen.124 
Zahlreiche und starke Gesellschaften wanderten ab, man musste mit 30 bis 40% Steuer- einbussen aus diesem Sektor für Land und Gemein- den rechnen. Durch Lockerungen im Gesellschafts- recht125, durch Vermeidung politischer Beunruhi- gung - wie sie Pressegerüchte über eine deutsche Invasion Anfang Juli wieder erzeugten126 - und durch eine klare Haltung der Liechtensteiner sollte das Kapital wieder zutraulicher werden.127 Das ge- lang nur zögernd. 115) «In Christo». («Kirchliches Amtsblatt für die Pfarreien Liechten- steins»), 14. Mai 1938, Artikel «Vaterland und Vaterlandsliebe» (von Johannes Tschuor, Pfarrer von Schaan, der das Blatt 1937 gründete und bis 1988 selber redigierte). 116) LLARF 182/128. 117) Z.B. Ausschuss des Arbeitsamtes an die Regierung, 21. April 1938, LLARF 180/443. 118) VU-Parteisekretär Rupert Quaderer an Bürgerpartei-Obmann Bernhard Risch, 28. Mai 1938, und an die Regierung, 30. Mai 1938, LLARF 180/443. 119) Dr. Otto Schaedler und Dr. Alois Ritter für den VU-Landesaus- schuss an die Regierung, 7. April 1938; Aktenvermerk von Regie- rungschef Hoop vom 14. April 1938, LLARF 179/360. 120) Das Arbeitsamt meldet am 30. September 1938 167 Arbeiter, die nicht für Notstandsarbeit zugewiesen werden können, LLA RF 184/127. 121) LLARF 183/243. 122) Gesetz vom 18. Januar 1939 über die Einführung des Verhält- niswahlrechts, LGB1. 1939/4. Dazu eingehend Herbert Wille. «Land- tag und Wahlrecht im Spannungsfeld der politischen Kräfte in der Zeit von 1918 bis 1939», in: LPS 8, Vaduz 1981, S. 178 ff. 123) «Meldung aus Liechtenstein vom 19. März 1938». von Heydrich am 21. März 1938 dem Auswärtigen Amt zugeleitet. LLA Dok. 115/ 117 386. - Erwähnung des Grafen von Bendern als Darlehensgeber an das Land, LLA RF 185/101. 124) Monatliche Rohbilanzen der Sparkasse (Liechtensteinische Lan- desbank) zuhanden der Regierung, 31. Januar 1938 bis 30. Novem- ber 1938; LLARF 179/417. 125) Gesetz vom 30. April 1938 betr. die Abänderung des Art. 554 des PGR, LGB1. 1938/4. 126) «Volksrecht», 4. Juli 1938. - «Nationalzeitung», 5. Juli 1938. - «Pariser Tageszeitung», 7. Juli 1938. - Ebenso eine Reihe englischer Zeitungen, z.B. «Evening News», London. LLA RF 180/402. - Dementi derliecht. Regierung ans «Volksrecht», 5. Juli 1938, LLA RF 182/5. 127) Handschriftliche Notizen von Steuersekretär Alexander Frick und Regierungschef Hoop (o.D., nach März 1938), LLARF 170/130.- Steuerverwaltungan Regierung, 19. Juli 1938, LLARF 182/91. 26
        

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