LIECHTENSTEIN IM JAHRE 1938 PETER GEIGER Im Lande realisierten sich Schaedlers Hauptforde- rungen während seiner Abwesenheit, aber nicht mit der in Berlin intendierten Stossrichtung. Der VU- Parteiausschuss und die Parteizeitung billigten die von ihrem Obmann im Landtag gezeigte Haltung, die sie aber allein auf den Burgfrieden - gerade auch als Voraussetzung für die Selbständigkeit - gerichtet verstanden und würdigten.'"5 Damit holten sie ihn zugleich für die Partei zurück. Regierungschef Hoop fuhr am Sonntagabend (20. März) seinerseits nach Berlin. Seine Reise war vertraulich mit Bundesrat Motta abgesprochen. Hoop wollte die Stimmung abhorchen und gutes Wetter machen. Er blieb vier Tage, betreut von Referenten des Propagandaministers Goebbels und des Innenministers. Am Montagabend traf Hoop mit Reichsinnenminister Frick zusammen, danach mit Staatsminister Otto Meissner, am Dienstag mit Reichspostminister Ohnesorge, wahrscheinlich auch mit Göring. Bei Frick und Meissner deponierte Hoop «die Glück- wünsche der Regierung», auch zuhanden des «Füh- rers und Reichskanzlers», zur Schaffung des Gross- deutschen Reiches und brachte Fragen vor, die es zu regeln galt, nämlich Justiz, Eisenbahn, Rhein und Arbeit betreffend. Liechtenstein sperre sich gegen jüdische Einwanderungen ab, teilte Hoop mit." Er betonte auch, er wolle Liechtenstein keineswegs nä- her an die Schweiz anschliessen, er habe den militä- rischen Einbezug abgelehnt und er denke auch dar- an, «in absehbarer Zeit die Zollunion mit der Schweiz durch eine solche mit dem Reiche zu erset- zen».100 Hoop redete den Deutschen nach dem Munde und weckte Erwartungen, die er nicht ein- löste. Nach Besichtigung des Postmuseums und der Reichsdruckerei besprach sich Hoop eingehend mit dem schweizerischen Gesandten Dinichert. Am Donnerstag, 24. März, fuhr er von Berlin heim- zu, mit dem in den freundlichen Begegnungen ge- wonnenen Eindruck, dass Liechtensteins Grenzen und Unabhängigkeit «restlos respektiert» würden, dass allerdings das Reich eine Verfolgung einer An- schlusspartei im Lande nicht dulden würde. Hoop vermerkte für sich: «Für die Selbständigkeit des Landes ist es also von grösster Wichtigkeit, dass im 
Innern des Landes keine nationalsozialistische Be- wegung auftritt».101 Eine solche wurde freilich weni- ge Tage später gegründet. Wir erkennen: Die Berlin-Reisen hatten - entgegen verbreiteter Meinung - die Entscheidung in Berlin über ein liechtensteinisches Anschluss-Schicksal nicht mehr beeinflusse sie war wenige Tage und Stunden zuvor gefallen. Aber beide, Oppositionsfüh- rer Schaedler wie Regierungschef Hoop, erweckten in Berlin je auf ihre Weise den diplomatisch nützli- chen wie gefährlichen Eindruck, Liechtenstein be- wege sich innen wie aussen in Richtung des natio- nalsozialistischen Deutschland. 93) Protokoll vom 18. März 1938 (von allen Anwesenden inklusive Dr. 0. Schaedler unterzeichnet), LLA RF 179/30 (13 f.). - Daten zu den beteiligten Personen bei Paul Vogt und Arthur Brunhart, siehe oben Anm. 15und 20, sowie bei Johannes Kaiser, 1918-1988-70 Jahre Fortschrittliche Bürgerpartei, Schaan 1988. - Dr. Otto Schaedlers Rolle in der Märzkrise 1938 ist komplexer, als sie bei Walk, S. 395 f. (siehe oben Anm. 2) dargestellt ist. 94) Interviews des Verfassers mit Fürst Franz Josef II. vom 19. Au- gust 1988 und vom 10. Oktober 1988. Möglicherweise trafThron- prinz Franz Josef schon einen oder zwei Tage früher im Land ein. Die beiden Zeitungen melden aber übereinstimmend, der Thronfolger sei am Freitag, 18. März, eingetroffen; L.Vo., 19. März 1938, und L.Va., 23. März 1938. - Fürst Franz Josef II. starb 1989. 95) Protokoll vom 21. März 1938, LLARF 180/443; ebenso gedruckt in: Jansen/Allgäuer/Ospelt, Liechtenstein 1938-1978, Vaduz 1978, S. 11. 96) Siehe oben Seite 14 und oben Anm. 60. 97) Bericht der Volksdeutschen Mittelstelle (Stier) über Dr. 0. Schae- dlers Vorsprache am 19. März 1938, dabei als Beilage die «Nieder- schrift über die Forderungen von Dr. Schädler vom 19. 3. 1938». beides Aussenminister Ribbentrop übergeben und von diesem laut Randvermerk «erl. (edigt) durch mündliche Rücksprache». LLA Dok. 115/117 382 ff. Im obigen Bericht der Volksdeutschen Mittelstelle über Dr. Schaedlers Vorsprache wurde der Thronfolger als «National- sozialist» bezeichnet. Diese Charakterisierung trifft nicht zu. 98) Vgl. L.Va.. 23. März 1938. 99) Regierungschef Hoops «Notiz über Besuch in Berlin», geschrie- ben am 28. März 1938, LLARF 179/130 (32). - «Aufzeichnung» von Staatsminister Dr. Otto Meissner (Chef der Präsidialkanzlei Hitlers) über Hoops Besuch bei ihm am 21. März 1938. LIA Dok. 6321 H/ F 471 505f. 100) So wiedergegeben im Erlass des Auswärtigen Amtes vom 25. März 1938 an die deutsche Gesandtschaft in Bern, siehe oben Anm. 84. 101) Hoops «Notiz» vom 28. März 1938, siehe oben Anm. 99. 21
        

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