EIN VENEZIANISCHER RIPPENBECHER HANSJÖRG FROMMELT Seit Jahrzehnten befindet sich in den Sammlungen des Historischen Vereins für das Fürstentum Liech- tenstein ein Glasbecher, dessen Bedeutung lange Zeit nicht erkannt worden ist und dessen Funktion weit mehr war, als nur jene des einfachen Trinkge- fässes. (Vgl. Abb. 1) Gemeint ist ein venezianischer Rippenbecher, wel- cher der Zeit um 1500 entstammt und als Reliquien- glas Verwendung fand. Dieses gelangte im Winter 1959/60 in Vaduz in die Ausstellung «Altes Kultur- gut der Heimat».1 Anschliessend verschwand es wie- der, als «Objekt ohne höhere kunsthistorische Be- deutung»2 eingestuft, in den Magazinen des Histori- schen Vereins und nach der Gründung im Jahre 1970 in den Depoträumen des Liechtensteinischen Landesmuseums. Zuletzt lagerte der Becher in jenen Zivilschutzräumen beim Liechtensteinischen Gym- nasium, in welchen im Sommer 1985 ein Wasser- einbruch Kulturgut arg beschädigte. Im Rahmen einer Arbeit über Altarreliquiare des Bistums Chur ist das Glas nur wenige Tage vor der unheilvollen Verwüstung durch das Wasser zur Bearbeitung aus dem Depot genommen worden. Es ist fraglich, ob das in «mehrfacher Hinsicht bemerkenswerte Glas»3 heute noch bestaunt werden könnte, hätte es an jenem Juniwochenende 1985 noch im Regal des Museumsmagazins gestanden. Im Sommer 1988 wurde das Reliquienglas in der Ausstellung «Phönix aus Sand und Asche», einer anschaulichen Präsentation von Werken mittelalter- licher Glaskunst, erst in Bonn und anschliessend in Basel gezeigt. Es fand Aufnahme im reich illustrier- ten Ausstellungskatalog.4 Seit Herbst 1988 wird der venezianische Rippenbe- cher im Liechtensteinischen Landesmuseum in Va- duz präsentiert. 
DER RIPPENBECHER (vgl. Abb. 2) Standort: Liechtensteinisches Landesmuseum Vaduz, Inv. Nr. GL 1. Höhe inkl. Wachsdeckel: 10,5 cm. 0 des Wachsdeckels: ca. 7,9 cm. 0 oberhalb der Rippen: 7,1 cm. 0 des Fussrings: 5,9 cm. Wandstärke bei der Fehlstelle: 2 mm. Gewicht mit Wachsdeckel und Reliquien: 140 g. Farbloses transparentes Glas mit einigen Luftein- schlüssen. Ein Wandungsstück ist oberhalb des Fussrings ausgebrochen. Von dieser Fehlstelle geht ein Riss aus. Gekniffener Fussring. Hochgestochener Boden. Der Becher zählt zwölf Rippen, welche auf der Unterseite im eingestochenen Boden bis zum Abriss des Hefteisens auslaufen. Oberhalb der Rip- pen ist ein mehrfarbiges florales Emaildekor ange- bracht. Auf dieses Pflanzenornament («Maiglöck- chenmotiv»)5 in den Farben Grün, Rot und Weiss 1) Die Ausstellung wird im Jahresbericht des Historischen Vereins erwähnt, .lahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein. Band 60,1960. Seite 238. 2) Poeschel, E., Nachträge zu den Kunstdenkmälern des Fürstentums Liechtenstein, 1960. Unveröffentlichtes Manuskript. Im Landesmu- seum in Vaduz aufbewahrt. 3) Baumgartner, E., Krueger, [., Phönix aus Sand und Asche, Mün- chen 1988, Seite 370. 4) Baumgartner, E.. Krueger, [., Phönix aus Sand und Asche, Mün- chen 1988, Katalog-Nr. 458, Seite 370. Das Glas ist weiter in einem Bericht in der Zeitschrift Weltkunst abgebildet: Ricke, H., Das neue Bild vom Glas des Mittelalters, in: Weltkunst, 58. Jahrgang, Nr. 10, Mai 1988, Abbildung 4, Seite 1529. 5) Zum «Maiglöckchenmotiv»: Vergleiche Baumgartner, E., a.a.O.. Seite 370. Abb. 1: Venezianischer emailbemalter Rippenbe- cher. Als Reliquienbehälter verschlossen und versie- gelt. (Aufnahme: Paul Frick, LLM Vaduz) 245
        

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