Nun meldete die Presse, Liechtenstein bleibe selb- ständig.''9 Das drückte ohne jeden Zweifel die Ab- sicht des allergrössten Teils des Volkes und der beiden Parteien aus. Aber das Schwert schaukelte am Faden. Noch lag das Ultimatum des Oppositions- führers vor. Und in Berlin wurden bedenkliche Op- tionen erwogen. Als ob die Welt in Ordnung wäre, gastierten am Abend des 16. März im Vaduzer Rat- haussaal vor vollem Haus die Wiener Sängerkna- ben.70 ANSCHLUSS LIECHTENSTEINS? PLÄNE UND ENTSCHEIDUNGEN IN BERLIN Bei der Reichsregierung in Berlin war man unter- dessen wohlinformiert. Aus der genauen Analyse der Dokumente und insbesondere auch der hand- schriftlichen Randvermerke lassen sich die folgen- den äusserst aufschlussreichen Ergebnisse gewin- nen.71 Die von einem hohen SS-Führer (Werner Lorenz) geleitete Volksdeutsche Mittelstelle in Berlin unter- breitete am Tag, da Hoop und Frommelt in Bern weilten, dem Aussenminister (Ribbentrop) dem Stellvertreter des Führers (Hess) und dem Oberkom- mando der Wehrmacht den Vorschlag, «unter Aus- nutzung der gegenwärtigen Umstände auch im Für- stentum Liechtenstein eine nationalsozialistische Regierung an das Ruder zu bringen», dies sei «ein Leichtes».72 Man hatte konkrete Vorstellungen: Die Opposition sollte Neuwahlen erzwingen und vom Reich aus durch Geld, Lautsprecher, Rundfunkanla- ge und Garantie für Beseitigung der Arbeitslosigkeit unterstützt werden, 10000 Franken würden genü- gen; eine nationalsozialistisch dominierte Koali- tionsregierung könnte dann im Laufe eines Jahres den Schweizer Zollvertrag kündigen und «legal» den Anschluss durchführen; oder aber Liechtenstein würde, formell selbständig, als «Ansatzpunkt der völkischen ... Arbeit» in Richtung Schweiz dienen. Ausdrücklich wies man darauf hin, von den liech- tensteinischen Höhen würden die Zugänge nach Graubünden und Zürich militärisch «beherrscht».73 Die Volksdeutsche Mittelstelle stützte sich auf die 
völlig übertriebene Selbsteinschätzung liechtenstei- nischer Nationalsozialisten, die in der kurzen Aufre- gung glaubten, grössere Teile der VU-Opposition und der Bürgerpartei-Jugend in ihre Richtung bewe- gen zu können.74 Die Mittelstelle gab am Freitag, 18. März, Weisung zur Erzwingung von Neuwahlen nach Liechtenstein durch.73 Auch Propagandamini- ster Goebbels neigte einem liechtensteinischen An- schluss zu. Eine Randnotiz des Aussenministers lau- tet: «Prop.(aganda)Min.(ister) will Anschluss vorbe- reiten». Im Aussenministerium hegte man indessen Bedenken wegen «Komplikationen».77 Ribbentrop hielt (schon am 16. März) «eine Aktion in Lichten- stein» (sie) für «untunlich».7" Die in Bern besprochene Neutralisierung und mög- liche Einbeziehung Liechtensteins in die schweizeri- sche Militärgrenze wusste der deutsche Gesandte Köcher sogleich geheim nach Berlin zu telegrafie- ren.79 Die Liechtenstein-Frage wurde darauf am Freitag, 18. März, von Reichsminister Lammers, dem Chef der Reichskanzlei, mit Hitler selber besprochen, worauf Lammers das Ergebnis mit Aussenminister Ribbentrop beredete.s" Ein handschriftlicher Rand- vermerk im Aussenministerium (vom 19. März) nennt darauf ausdrücklich bezüglich Liechtensteins den «Wunsch des Führers dass wir uns nicht einmischen».81 69) Siehe oben Anm. 59. 70) LVb., 12. und 19. März 1938. 71) Das britische Foreign Office und das U.S. State Department haben nach dem Krieg systematisch Dokumente der Behörden des Dritten Reiches mikroverfilmt, darunter auch zahlreiche Liechtenstein betref- fende Dokumente aus dem Auswärtigen Amt in Berlin, nämlich aus dem Büro des Reichsaussenministers (115/117 371 - 117 423), aus dem Büro des Staatssekretärs (317/192 019 -192 048), aus der Politischen Abteilung (1204/331 717-331 825 und 6321 H/ E471 485-471 508), aus der Reichskanzlei (2668 H/D 528 013 f.) und aus dem Büro des Chefs der Auslandorganisation (111 111 — 111124). Die Dokumente, von denen meist Abschriften an verschie- dene Stellen gingen, tragen Randnotizen und Krledigungsvermerke. Daher werden Im folgenden gelegentlich die Doppelstücke mit Nr. angegeben. Von den Dokumenten liegen Kopien im LLA; hier wird die jeweilige Nr. der Serie und des Dokuments gegeben. - Einige wenige dieser Dokumente sind auch gedruckt in: Akten zur Deutschen Aus- wärtigen Politik 1918-1945, Aus dem Archiv des Auswärtigen Amtes, L6
        

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