Jeder Forscher, der sich mit der Geschichte von Haus und Fürstentum befasst, sieht sich vor das Problem gestellt, dass sich die Geschichte des Hau- ses Liechtenstein zumindest bis ins frühe 12. Jahr- hundert zurückverfolgen lässt, das Fürstentum aber erst mit dem Kauf der Herrschaft Schellenberg 1699 und der Grafschaft Vaduz 1712 konkrete Gestalt annimmt. Wie weit kann und soll man bei einem derartigen Sammelband in der Darstellung des Hau- ses und jener Gebiete, die später das Fürstentum bilden sollten, zurückgehen? Die Herausgeber ha- ben sich dafür entschieden, die Frühzeit des Hauses nur anzureissen und den Schwerpunkt auf das Wer- den des Fürstentums und seine Behauptung in den napoleanischen Kriegen zu legen. Dementspechend sind von insgesamt 14 Beiträgen nicht weniger als zehn dem 16.-18. Jahrhundert gewidmet. Das be- deutet, dass neben den wenigen Hinweisen auf die Frühzeit des Hauses auch das Jahrhundert von 1836 - 1933, und damit so wichtige Ereignisse wie der Untergang der Habsburgermonarchie und die Neuorientierung Liechtensteins auf die Schweiz, praktisch nicht angesprochen werden. Daraus er- gibt sich, dass es nicht Ziel des Bandes sein konnte, einen vollständigen Überblick über die Entwicklung des Fürstentums zu geben. Volker Press selbst hat es unternommen, auf der Grundlage von zwei Vorträgen, die er im Rahmen des Seminars in Vaduz und bei der Hauskonferenz des Hauses Liechtenstein in Wien 1985 gehalten hat, «Das Haus Liechtenstein in der europäischen Geschichte» darzustellen. Der umfangreiche Beitrag zeichnet sich durch die übersichtliche Art der Dar- stellung, durch den geschliffenen Stil und die souve- räne Beherrschung der Materie, die man dem Ver- fasser in allen Details anmerkt, gleichermassen aus. Es gelingt Press, ein wirklich eindringliches Bild vom Aufstieg und von der Bedeutung des Hauses zu entwerfen, wobei er den Bogen von den Anfängen im Dienste der österreichischen Babenberger und der böhmischen Pfemysliden über die einflussreiche Stellung am Hof der Habsburger und die Erhebung in den Fürstenstand, über die Entstehung des Für- stentums und dessen Sonderstellung in den napo-leonischen 
Kriegen bis hin zum souveränen Staat der Gegenwart spannt. Obwohl der Verfasser auf eine Stammtafel verzichtet hat, vermittelt er dem Leser eine plastische Vorstellung vom gesamten Haus Liechtenstein, auch zur Zeit der Teilung in einzelne Linien. Dass im Rahmen einer derart gross- zügigen Übersicht bisher ungelöste Fragen wie die Herkunft des Geschlechts oder der Zwist mit Herzog Albrecht III., der zur Katastrophe des Jahres 1394 führte - die Ursachen dieser Auseinandersetzung hatten Fürst Franz Josef II. immer besonders inter- essiert - nicht im Detail behandelt werden konnten, ist selbstverständlich. Insgesamt bietet die Darstel- lung von Press eine ideale Einführung in den gesam- ten Band und eine solide Ausgangsbasis für alle weiteren Beiträge. Dieter Stievermann widmet sich der «Geschichte der Herrschaften Vaduz und Schellenberg zwischen Mit- telalter und Neuzeit». Im Mittelpunkt seines Beitra- ges steht der Übergang der beiden Herrschaften von den Grafen von Werdenberg-Sargans an die Frei- herren von Brandis. Zwischen der dominierenden Grossmacht der Habsburger einerseits und dem mi- litärischen Potential der Bündner und Eidgenossen andererseits blieb den Freiherren von Brandis - so wie ihren Vorgängern und Nachfolgern im Besitz der beiden Herrschaften - nur wenig Spielraum. Die uneingeschränkte Parteinahme für die Habsburger führte im Schwaben- oder Schweizerkrieg 1499 zur Katastrophe und zum Verkauf der Herrschaften an Graf Rudolf von Sulz im Jahre 1510. Die 1492 verlie- henen «Brandisischen Freiheiten» sollten aber noch durch Jahrhunderte für das Land von Bedeutung bleiben. Der besondere Wert von Stievermanns Bei- trag liegt darin, dass er auch die Herrschaftsstruktu- ren deutlich macht und zeigt, wie jeder Versuch einer grossräumigen Herrschaftsbildung in diesem Raum durch die Konkurrenz der Habsburger und der Eidgenossenschaft zum Scheitern verurteilt war. Die Habsburger ihrerseits haben mehrfach die Chance versäumt, ihr Herrschaftsgebiet vor dem Arlberg durch den Kauf von Vaduz und Schellenberg wesentlich zu erweitern. 198
        

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