eher mit Gästen wegen Polizeistundenübertretung gebüsst wurde, sich aber dennoch freute, am Radio «diesen historischen Tag und die übergrosse Freude des befreiten österreichischen Volkes ... miterlebt zu haben»." Die grosse Mehrzahl vernahm freilich «mit Schrecken»41" den Anschluss und empfand ihn «als Tragödie»411', als «Katastrophe»431. Manche Liechtensteiner begrüssten zwar den österreichi- schen Anschluss, ohne gleich einen solchen für Liechtenstein zu wünschen,43d In den folgenden Ta- gen herrschte in Liechtenstein «lebhafte Erre- gung».44 Der Sicherheitsdienst der SS berichtete aus Liechtenstein auch von Hakenkreuzfahnen an Häu- sern, von begeisterter Jugend, von Menschengrup- pen von 50-60 Personen, die auf den Strassen «Ein Führer, ein Volk, ein Reich» riefen und bedauerten, dass die deutschen Truppen nicht gleich ins Land vorrückten.45 Sympathisanten grüssten die Schwei- zer Grenzwächter mit «Heil Hitler».41' Ein Beobach- ter, der das Land durchstreifte, fand es andererseits ruhig.47 Die Schweiz registrierte die Vorgänge mit Besorgnis. Regierungschef-Stellvertreter Frommelt fuhr noch am Sonntag, 13. März - Hoop war in Wien - nach Bern, gerufen oder aus eigener Initiative. Er be- sprach sich mit Vertretern der Bundesbehörden. Sie fragten ihn eindringlich, ob Liechtenstein selbstän- dig und bei den Verträgen der Schweiz bleibe. Frommelt versicherte, die Behörden wollten in kei- ner Weise den Status Liechtensteins ändern, im Volk seien «lediglich ein paar, die herumspektakeln». Die Schweizer waren nicht beruhigt. Sie verlangten eine klare Zusicherung auch von beiden Parteien. From- melt fuhr nach Vaduz zurück.4" Am nächsten Tag, Montag, 14. März, kehrte Hoop aus Wien zurück. Bei der Sparkasse und der Bank in Liechtenstein wurden Gelder abgehoben und gekün- digt.4'1 Gesellschaften und Stiftungen liquidierten " oder verlegten den Sitz in die Schweiz.51 Aus Paris und London kamen Anfragen, ob Liechtenstein deutsch werde.52 Die internationale Presse brachte beunruhigende Notizen über Liechtenstein.53 Hoop und Frommelt wurden auf Mittwoch in Bern erwar- tet, um definitiv Auskunft über die liechtensteinische Haltung zu geben.54 
DER 15. MÄRZ: ZERREISSPROBE IM LANDTAG Am folgenden Tag, Dienstag, 15. März - den Iden des März - morgens 9 Uhr trat der Landtag zur ordentlichen Sitzung55 zusammen. Hier kam es zur Zerreissprobe. Wie üblich traf man sich zuerst im Konferenzzimmer. Man verliess es aber nicht mehr. Es wurde eine ganztägige Debatte zu Liechtensteins Zukunft daraus.56 Regierungschef Hoop stellte fest, vom Reich her sei nichts zu fürchten, aber einzelne Liechtensteiner wünschten den Anschluss, der «Taumel» dieser Leute werde vorbeigehen, da Liechtenstein keinen Nährboden für den Nationalsozialismus abgebe. Der Triesner Vorsteher Heidegger (VU) sprach von einem «momentanen Rausch». Der Balzner Vorste- her Basil Vogt (VU) meinte, in Balzers stehe nichts zu befürchten. Wendelin Beck (VU) war für Triesen- berg zuversichtlich, es gebe zwar junge Anschluss- freunde, «aber der grosse Haufen will Liechtenstei- ner bleiben». Vorsteher Franz Hoop (BP) bestätigte, die Ruggeller wollten nicht «Kanonenfutter» wer- den. Die Regierung und andere Bürgerpartei-Abge- ordnete waren weniger zuversichtlich. Bürgermei- ster Ludwig Ospelt warnte, besonders die jungen Leute seien «ganz vernarrt in dieses Zeug hinein». Pfarrer Frommelt äusserte pessimistisch: «Ich habe die sichere Meinung, wenn morgen 200 Leute (über die Grenze, G.) heraufkommen mit einer Blechmu- sik, würden Viele Hände und Füsse in die Höhe strecken» - er meinte deutschen Gruss und Stech- schritt -, von innen heraus könnte im Lande «das Feuer entfacht werden». Regierungschef Hoop wünschte, unter Hinweis auf gefährdete Landesein- nahmen und Beunruhigung der Schweiz, der Land- tag solle erklären, «dass er auf dem Boden des bisherigen Vertragsverhältnisses steht und die Sou- veränität wahren will». Doch Otto Schaedler verweigerte die Zustimmung; der Abgeordneteneid genüge. Seine Weigerung hat- te Gewicht, da er Oppositionsführer und Parteiob- mann der VU war. Jetzt wendete sich die Debatte ins Grundsätzliche, so dass Peter Büchel mahnte: «Die Situation ist heute so ernst, dass es in der Geschichte festgehalten wird.» Schaedler führte die zehnjährige \2
        

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