Liechtenstein und der Anschluss Österreichs: Die liechtensteinische Märzkrise 1938 Als der österreichische Kanzler Schuschnigg in Berchtesgaden Hitlers Diktat annehmen und die Na- tionalsozialisten in die Regierung aufnehmen muss- te, war der Damm gebrochen. Schuschniggs ver- zweifelter Entschluss, auf den Sonntag, 13. März, eine Volksabstimmung über Österreichs Unabhän- gigkeit durchführen zu lassen, beschleunigte alles: Am Freitagabend, 11. März, erzwang Hitler den Sturz der Schuschnigg-Regierung, setzte eine öster- reichische nationalsozialistische Regierung ein und rückte zugleich mit deutschen Truppen ein; am 13. März vereinigte er Österreich mit dem Reich, am 15. März «meldete» Hitler auf dem Wiener Helden- platz unter tosendem Beifall der Menge «vor der Geschichte»31* die Wiedervereinigung Österreichs mit Deutschland, wie die Sprachregelung fortan lau- tete. Diese Tage und Wochen verliefen auch für Liechten- stein so dramatisch, dass ich von einer liechtenstei- nischen Märzkrise sprechen möchte. Zeichnen wir sie chronologisch nach.32 In den Tagen des öster- reichischen Anschlusses wurden im Lande auch ein- zelne Hakenkreuzfahnen gehisst. Die Fahnenstange auf dem eventuell vor 1938 entstandenen Bild steht auf öffentlichem Grund direkt nördlich neben dem Rat- haus in Vaduz, sie gehört nicht zum dahinter sicht- baren Haus. Ab dem Mai 1940 waren ausländische Fahnen verboten. I II I 
REAKTION AUF BERCHTESGADEN Am Abend des 12. Februar, als Schuschnigg von Berchtesgaden zurückkehrte, erlebte der liechten- steinische Thronfolger Franz Josef in Innsbruck von einem Restaurant aus degoutiert den Aufzug von jungen Leuten, welche Schuschniggs Treffen mit Hitler feierten.33 Wie Otto von Habsburg, der seine Legitimisten im Januar noch in Vaduz versammelt hatte,34 hielt der liechtensteinische Thronfolger einen militärischen österreichischen Widerstand für sinnvoll und zusammen mit tschechoslowakischen, französischen und englischen Truppen für wir- kungsvoll.3" Dazu kam es nicht. In Liechtenstein selber rief Berchtesgaden - nach Aussage des deutschen Generalkonsuls in Zürich - bei der Regierung «völlige Verwirrung und Kopflo- sigkeit» hervor. Es wurde eine Zeitlang erwogen, Hoop sollte eine «sofortige Reise nach Berlin» — wohl um Garantien zu erlangen - antreten, sie wur- de vorerst wieder verworfen.56 Aus den liechtenstei- nischen Zeitungen spricht andererseits keine beson- dere Nervosität. DER ANSCHLUSS, HOOP IN WIEN, FRÖMMELT IN BERN Als die Ereignisse sich in Österreich überstürzten, fuhr Dr. Hoop am Freitagabend, 11. März - Schuschnigg trat an diesem Abend zurück - nach Wien, um die Lage mit dem Fürstenpaar zu bespre- chen. Hoop kehrte erst am Montag, 14. März, zu- rück,37 er erlebte also den Anschluss mit Massenbe- geisterung, Einmarsch und den einsetzenden Aus- schreitungen mit eigenen Augen. Was Hoop in Wien besprochen hat, ist offen. Den Thronfolger traf er nicht, dieser weilte über die Anschlusstage in der Tschechoslowakei.38 Später, als Franz Josef Fürst war, wurde ihm von dritter Seite erzählt, Hoop sei in jenen Tagen zu Hitler gereist und habe von ihm eine Zusage für Liechtenstein erhalten.3'' In den schriftli- chen Quellen erscheint hierüber nichts. Hoop hätte während seiner Abwesenheit vom Lande Hitler in Österreich theoretisch höchstens in Linz oder Salz- 10
        

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