Rheinbergers Wörterbuch bruchstückhaft auf- scheint, und diese Welt ist uns ja in vielem reichlich fremd geworden. Doch richten wir den Blick nun auf die linke Spalte, wo den hochsprachlichen Übertragungen die Mund- artformen gegenüberstehen. Hier stellte sich für mich zunächst die Frage, wie diese Wörter und Formen im Blick auf die heutige Vaduzer (oder Liechtensteiner) Mundart zu beurtei- len seien. Um dies zu ergründen, habe ich zwei Vaduzer Gewährsleuten verschiedenen Alters die Liste vorgelegt und ihre jeweiligen Mundartausdrük- ke den Formen des Wörterbuches gegenüberge- stellt. Dabei ergaben sich nun immer wieder auf- schlussreiche Unterschiede, indem teilweise beide heutigen Gewährsleute gemeinsam vom Wörter- buch abwichen, teilweise auch nur der jüngere der Befragten eine neuere Sprachschicht repräsentierte. Natürlich kam auch der Fall häufig vor, dass Ge- währsleute und Wörterbuch gänzlich miteinander übereinstimmten, und es versteht sich, dass auch diese Übereinstimmungen gebührend zur Kenntnis genommen werden müssten. An dieser Stelle aber möchte ich mich mehr an die Abweichungen, an die Unterschiede halten, denn sie sind es, welche uns Einblick geben in die Bewegung des Sprachflusses. Nachzutragen bleibt, dass es sich bei den beiden Gewährsmännern um je einen Vertreter der älteren und der mittleren Generation handelt. Ich möchte nicht versäumen, den Herren Dr. Rudolf Rheinber- ger und Marc Ospelt für ihre sich über Stunden hinziehende bereitwillige und teilnehmende Aus- kunftsbereitschaft recht herzlich zu danken. Ohne ihre Beihilfe wäre es mir als Auswärtigem nicht möglich gewesen, mir ein einlässliches Bild vom Archaitätsgrad, ja selbst von der Qualität des im Wörterbüchlein befindlichen Materials zu machen. Beim Durchgehen des Rheinbergerschen Wortschat- zes stellte sich alsbald die Beobachtung ein, dass da eine ganze Reihe von Ausdrücken vorkommt, die den heutigen Gewährsmännern überhaupt nicht mehr bekannt waren. Dies muss immerhin nicht in jedem Fall heissen, dass ein gegebenes Wort am Ort (geschweige denn in anderen Gemeinden) gänzlich ausgestorben sei, denn nicht jeder Mensch einer 
Sprachgemeinschaft verfügt ja über genau densel- ben Wortschatz - namentlich dort, wo besondere Fachgebiete angesprochen sind, treten oft bedeuten- de Kompetenzunterschiede zutage. Auch muss er- wähnt werden, dass den Befragten jeweils herzlich wenig Zeit blieb, über einen Ausdruck nachzusin- nen; ich musste mich im Rahmen der Befragung ganz auf deren spontane Reaktion verlassen. Doch ist diese aufs Ganze gesehen wohl ein durchaus verlässlicher Gradmesser. Wenigstens eine Auswahl solcher heute - gemäss der Befragung - unbekann- ter Wörter soll hier in beliebiger Folge erwähnt werden: Boscha 'Blumenbouquet', Rieschtera 'Flek- ken', Flettacha 'Fittiche', Capahra 'Drangeid', Gi- göxle 'Eidechse', Erdbidem 'Erdbeben', Gwihscht 'Gewinn', Riamleg 'Gürtel', Hetschapetscha 'Hage- butte', Biarlig 'Heuhaufen', Prattik 'Kalender', Heerle 'Kaplan', Lellat 'Leintuch', Bantle 'dicker Mann', Mösch 'Messing', Mias 'Moos', Arglischt 'Or- ganist', Letsch 'Schlaufe', Schtachl 'Stahl'. Ein besonderer Hinweis ist fällig in Zusammenhang mit den beiden Einträgen Üarle 'Georg' und Ips 'Gips'. Auch diese Formen sind der heutigen Mund- art offenbar abhanden gekommen; sie haben sich indes in hiesigen Flurbezeichnungen erhalten: Üer- lischboda am Triesenberg heisst also 'Jörglisboden', und der Ipsweg in Vaduz weist auf das Vorkommen von Gipsgestein hin. Solche Beispiele Hessen sich erweitern; sie weisen uns darauf hin, welch reiche Fundgrube zur Sprach- und Mundartgeschichte un- serer Gegenden gerade auch im Schatz der münd- lich überlieferten Orts- und Flurnamen verborgen liegt, wie gerade in Namenformen, gleichsam ver- steinert, altes Wortgut weiterlebt, von dem uns nur zu oft sonst keine Kunde mehr geblieben ist. Das Forschungsunternehmen des Liechtensteiner Na- menbuches, dessen Leitung mir anvertraut ist, steht unter anderem auch vor der Aufgabe, diese älteren Schichten des mundartlichen Wortschatzes aus ih- ren Verkrustungen herauszulösen und der histo- risch ausgerichteten Dialektforschung zugänglich zu machen. Doch kehren wir zur Befragung unserer beiden Ge- währsleute zurück! Mit Bedacht hatte ich mich mit Vertretern zweier Generationen an den Tisch ge- 142
        

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