DER KOMPONIST ALS LEXIKOGRAPH HANS STRICKER / HERBERT HIEBE Der Komponist als Lexikograph REFERAT VON PROF. DR. HANS STRICKER, ZÜRICH/BUCHS, GEHALTEN ANLÄSSLICH DER 88. JAHRESVERSAMMLUNG DES HISTORISCHEN VEREINS FÜR DAS FÜRSTENTUM LIECHTEN- STEIN AM 8. APRIL 1989 IN BALZERS Als die Aufgabe an mich herangetragen wurde, an dieser Stelle über Joseph Rheinbergers unveröffent- lichtes Dialektwörterbuch aus sprachwissenschaftli- cher Sicht zu referieren, fusste meine spontan erteil- te Zusage keineswegs auf einer wie immer gearteten Vertrautheit mit dem grossen Liechtensteiner, des- sen Persönlichkeit und Werk in diesen Tagen und Wochen im Mittelpunkt besonderer Aufmerksam- keit stehen. Weniger noch war mir bislang bekannt, dass der gefeierte Musiker sich auch auf dem Felde der Wörterbucharbeit, also der Lexikographie, betä- tigt hatte. Die mir überlassene Kopie eines kleinen Wörterbüchleins, von Joseph Rheinberger in vorge- rücktem Alter an seinem bayrischen Ferienort Bad Kreuth verfasst, belehrte mich in dieser Hinsicht eines Besseren, und ich konnte nicht umhin, dem kleinen Werklein mein ungeteiltes Interesse entge- genzubringen. Zwei Fragenkreise waren es vor allem, die sich mir bei der ersten Beschäftigung mit dem inhaltsreichen Heftchen aufdrängten. Der eine geht aus vom Autor und seinen Lebenshin- tergründen, sucht nach Beweggründen und möchte auf diesem Hintergrund zu einer adäquaten Gewich- tung des Werkes gelangen. Wie kam der Komponist dazu, sich als Lexikograph zu betätigen? Wenig freilich wird sich sicher sagen, manches immerhin mutmassen lassen. Der zweite und hier natürlich wesentlich breiter anzugehende Fragenkreis bezieht sich auf das Wör- terbüchlein selbst, dessen Inhalt uns ungeachtet sei- ner bescheidenen Dimensionen doch eine erstaunli- che Fülle konkreter Auskünfte zum Sprachleben je- ner Zeit und zum Sprachverständnis des Autors bereithält. Autor und Werk sollen hier also gleichermassen in die Betrachtung einbezogen werden, soweit die Um- stände dies gestatten, und ich lade Sie, verehrte Anwesende, freundlich ein, mir bei dieser Betrach- tung zu folgen. Wie uns die Biographen berichten, trat die hohe Musikalität Joseph Rheinbergers sehr früh zutage. Besonderes Erstaunen erweckte der neunjährige Klavierschüler einmal, als er einem in Vaduz auftre- tenden Violinisten gegenüber bemerkte: «Ihr A 
klingt gerade wie das B auf meinem Klavier». Man ging der Sache nach und fand deren Richtigkeit bestätigt. Der Knabe, der bis dahin in Vaduz eine unbeschwerte und frohe Kindheit verbracht hatte, kam alsbald nach Feldkirch zur musikalischen Aus- bildung. Dort blieb er die Woche über; allwöchent- lich aber nahm er den dreistündigen Weg in seinen geliebten Heimatort unter die Füsse, um dort weiter- hin das Organistenamt zu versehen. Mit zwölf Jah- ren zog er zur weiteren musikalischen Ausbildung nach München, wo er dann zeit seines Lebens blei- ben und zu hohen Ehren aufsteigen sollte. Wie aus seinen zahlreichen Briefen hervorgeht, bewahrte aber Joseph Rheinberger den Seinen und der alten liechtensteinischen Heimat stets eine liebende An- hänglichkeit. Wohl wurden seine Besuche in der Heimat in den späteren Jahren seltener, nachdem die meisten seiner Familienangehörigen dort vor ihm gestorben waren. «So viele Gräber seiner Lie- ben in der Heimat erfüllten ihn mit tiefem Schmerz und erweckten nur traurige Gedanken und Gefühle in ihm, wenn er dahin wiederkehrte. Deshalb unter- liess er von da ab diese Besuche», schreibt sein Biograph Anton Hinger (im Jahrbuch 1903, 183). Nicht zunehmende Entfremdung von seiner Her- kunftswelt war es also, die ihn schliesslich ganz in der Ferne festhielt, sondern vielmehr die Empfind- samkeit des in der Grossstadt zutiefst heimatver- bunden Gebliebenen, der nur mehr in seinem Her- zen bewahren konnte, was er in der Wirklichkeit nicht mehr vorfand. Zeugnisse seiner Heimatliebe fanden zeitgenössi- sche Chronisten auch in seinem musikalischen Schaffen. Lassen wir dazu nochmals Hinger zu Wort kommen (S. 178): «Manche Stellen aus seinen Kom- positionen muten uns an, als wollte deren Schöpfer uns erzählen von seinem romantisch-schönen Hei- matlande, dem herrlichen Rheintal, seinen Bergen und Burgen, von warmer Frühlingssonne be- strahlt.» So sehr solche Äusserungen dem damali- gen Zeitgeist entsprungen erscheinen, so wenig dür- fen wir sie wohl als blosse romantische Verklärun- gen abtun. Joseph Rheinberger selber hat mit dem unscheinbaren Heft, in dem er die Sprache seiner Jugend festzuhalten versuchte, einen wohl unbe- 137
        

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