DAS HAUS LIECHTENSTEIN IN DER DEUTSCHEN LITERATUR / GRAHAM MARTIN Die göttlichen Assoziationen rühren auch vom Got- tesdienst her: In der Kirche habe ich manchmal seine ineinander- liegenden Hände über die Loge herausragen gese- hen. Nach einer Beschreibung der fürstlichen Loge in der Pfarrkirche (Vaduz) heisst es: Seinen Blick von der Loge herunter habe ich beim Ministrieren gespürt, auch den von Gottvater, und den von der Grossmutter, wenn ich vor dem Altar gekniet bin. Die übermenschliche Gestalt des Fürsten wird von seinen Bildnissen unterstrichen, denen das Schul- kind überall begegnet: Das Bild vom Fürst ist in allen Schulklassen gehan- gen, rechts von der Tafel, und links von der Tafel das Kreuz, ein gelbrotes Band hat der Fürst quer über die Brust getragen, und Richtung Tafel hat er geschaut. Auch beim Friseur ist ein Bild vom Fürst gehangen, über dem Spiegel, ein schwarzweisses. Wenn ich den Kopf gehoben habe, damit der Friseur den Papierkragen hat feststecken können, habe ich sein Bild vom Fürst dort gesehen. Im Frucht- und Delikatessengeschäft ist ein grösseres, farbiges ge- standen, im Schaufenster. Eine Reihe Ananas ist dort vor dem Bild vom Fürst aufgestellt und links und rechts davon sind Orangen und Grapefruits in die Höhe gestapelt gewesen. Das grösste Bild vom Fürst aber ist in der 'Turnhalle gehangen, zwischen der Fahne des Fürstenhauses und der des Landes und zwar am Ende der Halle, dem Eingang gegen- über. Die Turnhalle ist nämlich zugleich der Ge- meindesaal gewesen, und so haben wir manchmal zwischen dekorierten Wänden geturnt, Fahnen sind oft dort gehangen und Girlanden und seltener auch das Bild vom Fürst. Nur schon dass es so ein grosses Bild von ihm gibt, hat uns seine Grösse fühlen las- sen, keine Ballspiele haben wir gemacht, wenn sein Bild in der Turnhalle gehangen ist. [...] Auf der teuersten Briefmarke ist der Kopf vom Fürst abge- bildet gewesen. 
(Köstlich die Nebeneinanderstellung des Erhabenen und des Banalen in den kindlichen Eindrücken: Für- stenporträt / Ananas!). Der Autor erzählt, wie in der Volksschule nach und nach die Geschichte der Heimat durchgenommen wird, welche folgenden Schluss- und Höhepunkt hat: «Der Fürst ist 1938 ins Land gekommen.» Die- ses historische Ereignis macht einen gewaltigen Ein- druck auf den Volksschüler: Die Ankunft vom Fürst ist das letzte Ereignis gewe- sen, dass Einlass in unsere Pressbandhefte gefun- den hat und der Fürst [ist] für mich damals gewesen was vielleicht Moses für die Israeliten oder für die Schweizer Wilhelm Teil bedeutet hat. Seine Ankunft im Land habe ich mir ähnlich phänomenal vorge- stellt wie das Auftauchen Winnetous, mit seiner Ankunft hat sozusagen die Heilsgeschichte begon- nen, die wir in der Volksschule nicht mehr geschrie- ben haben. Ausser der Wohnsitznahme des Fürsten in Liechten- stein im Jahre 1938 («Das Land hat dem Fürst so gut gefallen, dass er geblieben ist»), werden ein paar weitere historische Begebenheiten aus dem Leben des Fürsten erwähnt, vor allem die (1984 erfolgte) Abtretung seiner Amtsgeschäfte an den Erbprinzen sowie der Verkauf eines berühmten Bildes aus der Gemäldesammlung nach Amerika («er hat das Geld gebraucht, um das Dach des Schlosses ausbessern zu können, so hat es im Dorf geheissen»). Auch wenn der Fürst direkt wahrnehmbar ist, haf- ten seiner Figur aus dem Blickwinkel des Kindes 135) Bodensee-Hefte, Nr. 2/1989, S. 33. Die erwähnte Plastik, von Georg Malin. wurde um 1960 neben der Pfarrkirche Vaduz errichtet. 136) Michael üonhauser, geb. 1956, österreichischer Staatsbürger, dessen Mutter Liechtensteinerin ist, wuchs in Vaduz auf, jetzt in Wien ansässig. Den Hinweis auf diesen und andere Texte Michael Donhau- sers verdanke ich Herrn Fürstl. Rat Robert Allgäuer. 137) manuskripte (Graz). 25. Jg., 88, Juni 1985, S. 51 f. Die Erzäh- lung wurde in leicht abgeänderter Fassung in der Zeitschrift Boden- see-Hefte (Goldach/SG), Nr. 2/1989, S. 33 u. 35 wieder veröffentlicht. Wir zitieren aus letzterer Ausgabe. 125
        

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