DAS HAUS LIECHTENSTEIN IN DER DEUTSCHEN LITERATUR / GRAHAM MARTIN Fürst Franz Josef I. 1726-1781 Ist Fürst Josef Wenzel vor allem wegen der unge- rechten Behandlung seines ergebenen Dieners An- gelo Soliman in literarischen Kreisen unpopulär, so ist es sein Neffe und Nachfolger als Oberhaupt des Hauses Liechtenstein, Fürst Franz Josef I. (Regie- render Fürst 1772-1781), der die unangehme Tat seines fürstlichen Vorgängers wiedergutmacht und die Ehre des Hauses rettet.7"' Karoline Pichler erzählt den Vorgang in ihrem Auf- satz «Angelo Soliman» (siehe den vorhergehenden Abschnitt): Bey nahe zwey Jahre nach Fürst Wenzels Tode begegnete sein Neffe und Erbe, Fürst Franz von Lichtenstein, ihm [Angelo] auf der Gasse. Er Hess sogleich halten, und rief Angelo in seinen Wagen; er sagte ihm, dass er vollkommen von seiner Schuldlo- sigkeit überzeugt und gesonnen wäre, die Unbillig- keit seines Oheims wieder gut zu machen. Hiermit setzte er Angelo einen jährlichen Gehalt aus, der zugleich nach seinem Tode die Pension seiner Frau seyn sollte, und bedung sich nur dafür aus, dass Angelo eine Art von Aufsicht über die Erziehung seines Sohnes des jüngst verstorbenen Fürsten Alois von Lichtenstein führen sollte. Angelo kam pünctlich diesem neuen Berufe nach, und besuchte täglich das fürstliche Haus, um über den, seiner Sorge anbefohlenen, Prinzen zu wachen. Der Fürst sah endlich ein, dass der weite Weg in üblem Wetter für Angelo sehr beschwerlich seyn musste; er trug ihm eine Wohnung in seinem Hause an, und so bezog Angelo zum zweyten Mahle, jetzt aber mit seiner Familie, den fürstlichen Pallast. (S. 98 f.) Mit dem vom Fürsten Franz Josef I. ausbezahlten Gehalt hat Angelo nunmehr endgültig seinen Skla- venstatus hinter sich gelassen. In seinem Theaterstück Angelo Soliman (siehe den vorhergehenden Abschnitt) lässt Conny Hannes Meyer Fürst Franz Josef seinen Sekretär Gottwald zu Soliman schicken, um ihm eine besoldete Hof- meisterstelle im fürstlichen Haushalt anzutragen. 
Der neue Fürst bittet den geschätzten Diener im Namen des Fürstenhauses durch die umständlichen Worte seines Sekretärs um Entschuldigung: /...] da beßeisst sich nun der allergnädigste Herr Neffe, die bedauerliche Unbill, die dem hochlöbli- chen Herrn Angelo betroffen, den tragischen Affront von anno dazumal, der ja nur aus der altersbeding- ten Exaltation des schon vom Tod Gezeichneten [...] zu verstehen ist, directement zu korrigieren. [...] Der nunmehrige Erbe und Inhaber des Majorats, der allergnädigste Fürst Franz Josef von Liechtenstein, lässt für die unverzeihliche Sottise seines daheim- gegangenen Onkels dennoch um gütigsten Pardon bitten. (S. 74) 73) Eine solche Anschauung lässt sich von den meisten bildlichen Darstellungen des Fürsten Josef Wenzel leicht herleiten, wo er im allgemeinen einen hochmütigen und prunksüchtigen Eindruck macht. Paradebeispiele sind die bekannten Porträts des Franzosen Hyacinthe Rigaud. auf denen sich der Fürst das eine Mal im Harnisch, das andere im Ornat des Ordens des Goldenen Vliesses, malen liess. 74) Vgl. Programmheft, S. 28, wo die Eintragung im Trauungsregi- ster der Wiener Dompfarre St. Stephan wiedergegeben wird. 75) In der Tat hat Fürst Franz Josef I. in seinen bekanntesten Bildnis- sen einen überaus gütigen Blick! 109
        

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