wo der Statthalter Fürst Liechtenstein den Bankier de Witte in Audienz empfängt. Es kommen dabei einige physische und psychische Eigenschaften Karls von Liechtenstein zum Vorschein: De Witte sah wenig von seinem Gesicht, nur dass sein Rücken schon gebeugt war und das Haar er- graut aus der Stirne floh. [...] «Nun?» drängte der Fürst. Die vielen Verhöre in den zwei letzten Jahren hatten ihn ungeduldig gemacht. (S. 68) Nach einem kurzen Gespräch zwischen Liechten- stein und de Witte stossen auch die hohen Herren Wallenstein, Eggenberg und Harrach zu ihnen, und eine Besprechung der finanziellen Angelegenheiten des Königreichs Böhmen entfaltet sich, welche als Ansatz zur Verschwörung zur Münzverschlechte- rung dient. Zur Zeit des Todes Karls von Liechtenstein (1627) waren Truppen Wallensteins ohne Karls Erlaubnis auf seinen Gütern stationiert. Döblin bezieht sich auf diese Begebenheit: Von den Briefen des böhmischen Gouverneurs Liech- tenstein, dem sein ehemaliger Kumpan, der Fried- länder, einen bösen Streich mit der Besetzung sämt- licher Güter gespielt hatte, von den beleidigten Äus- serungen des Thronfolgers Ferdinand konnte man nichts vor den Kaiser bringen; dem Sohn des Herr- schers waren trotz Einspruchs Troppau und Jägern- dorf besetzt worden [...] (S. 261) 
Die Tatsache, dass sich drei Brüder aus der Familie Liechtenstein innerhalb einer Zeitspanne von an- derthalb Jahrzehnten im öffentlichen Leben Öster- reichs und des Heiligen Römischen Reichs so sehr hervortaten, dass sie alle einzeln in den Fürsten- stand erhoben wurden, wurde von vielen sonst ge- bildeten aber historisch nicht besonders bewander- ten Menschen kaum richtig begriffen. Infolgedessen haben mehrere Literaten und Literaturwissen- schaftler die liechtensteinischen Fürstenbrüder des 17. Jahrhunderts - vor allem Karl und Gundaker - miteinander verwechselt. Alfred Döblins Irrtum, als er an einer bezeichnenden Stelle im Wallenstein- Roman Gundaker als Gouverneur von Böhmen und Herrn von Troppau und Jägerndorf vorstellte, wur- de oben erwähnt. An anderen Stellen in den Riesen- romanen von Huch und Döblin, wo die verschiede- nen Gestalten in episodenhaften Abschnitten entwe- der immer wieder auftauchen und verschwinden, oder aber kurz auftreten und dann nicht mehr gese- hen werden, kommt manchmal der Name «(Fürst) Liechtenstein» in einem Zusammenhang vor, aus dem auf die genaue Identität nicht zu schliessen ist. Ähnlich ist es in der bekanntesten literarischen Dar- stellung Wallensteins, nämlich in Schillers Dramen- trilogie. Hier kommt an zwei Stellen der blosse Na- me «Lichtenstein» vor, und die meisten Bearbeiter des Textes scheinen angenommen zu haben, dass Karl gemeint werden musste. Aus Gründen, die wir im folgenden (unter «Fürst Gundaker») darlegen werden, könnte der Hinweis ebenso gut oder gar besser auf Gundaker zutreffen. 100
        

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