DAS HAUS LIECHTENSTEIN IN DER DEUTSCHEN LITERATUR / GRAHAM MARTIN Otto IL LIECHTENSTEIN-MURAU URK. 1248-1311 Otto, Sohn Ulrichs, war in politischer Hinsicht der bedeutendste Vertreter des steirischen Hauses Liechtenstein. Im Jahre 1276 gehörte er zu einer Gruppe steirischer Adliger, die gelobten, König Ru- dolf mit Leib und Gut zu dienen, und die sich dann nach Wien begaben, um Rudolf zur Übernahme der Stadt zu verhelfen; bald danach wird Ottos Anwe- senheit in Wien bei König Rudolf bezeugt.42 Eventuell auf diesen Sachverhalt spielt die Rolle eines Otto von Liechtenstein unter den Personen von Werthes' schon erwähntem Schauspiel Rudolph von Habsburg (1775/1785) an (siehe Abschnitt «Das Ge- schlecht Liechtenstein» oben). In diesem Pionier- stück unter den Rudolf-Dramen tritt ein Otto als handelnde Person auf statt eines Heinrich von Liechtenstein, wie es etwa in den Stücken von Pich- ler und Grillparzer der Fall ist.43 Der Hauptschauplatz ist Rudolfs Lager «in den um- liegenden Gegenden von Wien», und Otto von Liech- tenstein tritt als Gesandter der Bürger Wiens auf (S. 14 ff.). Er hält eine lange, etwas wirre Rede, die eine ganze Seite (15) des Textes ausfüllt; dabei setzt er dem unerkannten, schlicht wirkenden Rudolf aus- einander, wieso er der gottähnliche Kaiser nicht sein kann, wofür er von Rudolfs Sohn Albert die Anrede «Blödsüchtiger!» einhandeln muss (S. 16). Mit etwas nüchterneren Worten lädt dann Otto Ru- dolf ein, in Wien einzuziehen und die Bürger von den Fesseln Ottokars zu befreien. Der Kaiser fragt ihn nach seinem Namen, Liechtenstein antwortet mit «Otto von Lichtenstein», wozu sich Rudolf äus- sert: Ich kenne dich, und deinen Ehrvollen Stamm. (S. 17) Hierauf folgt Rudolfs Ausspruch über den Beitrag des Geschlechts zur Grösse Österreichs, welcher oben zitiert wurde (siehe Abschnitt «Das Geschlecht Liechtenstein»). Im fünften Aufzug ist es dann Otto von Liechtenstein, der Kaiser Rudolf in Wien ein- führt (S. 97). Werthes, der nur kurz in Österreich lebte (und wahrscheinlich erst nach Abfassung dieses Dra- mas)44, scheint in gewissen Details eine etwas unge- naue Vorstellung der historischen Tatsachen gehabt 
zu haben. Man könnte sogar meinen, er hätte even- tuell die Murauer mit den Nikolsburger Liechtenstei- nern verwechselt, hatten doch die Nikolsburger (Heinriche) ihren Stammbesitz in der Nähe von Wien, während die Murauer (Ottos) aus der Steier- mark kamen.45 Einen - teilweise - engeren Zusammenhang mit der historischen Wahrheit stellt Grillparzer her, als er in König Ottokar (vgl. die vorhergehenden Abschnitte) einen «Ott von Lichtenstein» erwähnt. Im dritten Aufzug trifft Kaiser Rudolf mit verschiedenen Ver- 34) Siehe Anm. 25. 35) Ebda, S. 19; Hormayr spricht in der Folge wiederholt von Ulrich und Heinrich als Brüdern. Vgl. auch Falke. I, S. 9 f. 36) Anton Schroll, Wien 1909-1948, hrsg. von August Sauer und Reinhold Backmann, König Ottokars Glück und Ende in I. Abt., 3. Bd. (1931). bearbeitet von Edwin Rollett; siehe S. 339. 37) Siehe Anm. 26; S. 15. 38) Lachmann-Ausgabe, a.a.O., S. 63. 39) Gerhart Hauptmann, 1862-1946, hauptsächlich in der Umge- bung Berlins ansässig. 40) Einzelausgabe bei S. Fischer. Berlin 1939 erschienen. In Bd. III von Hauptmanns Sämtlichen Werken, Propyläen Verlag, Frankfurt a. M. u. Berlin 1965. enthalten. 41) Vgl. Franz Viktor Spechtler, Ulrich von Liechtenstein bei Gerhart Hauptmann und Hugo von Hofmannsthal, in: Mittelalter-Rezeption, hrsg. von Jürgen Kühnel u.a., Göppingen 1979, S. 347-364; Carolyn Dussere, Humor and chivalry in Ulrich von Lichtensteins «Frauen- dienst» and Gerhart Hauptmanns «Ulrich von Lichtenstein», Collo- quia Germanica, Jg. 16,1963. S. 297-320. 42) Vgl. Falke. LS. 136 ff. 43) Ein weiteres Stück zu diesem Thema ist «Rudolph von Habsburg und König Ottokar von Böhmen» von August von Kotzebue (Leipzig 1815). in dem aber kein Liechtensteiner vorkommt. 44) Er wohnte 1783 zeitweise in Wien, war anschliessend 1784-1794 (oder-1797) Professor in Pest. 45) Nach Hormayr (vgl. Anm. 25; S. 42) gelangte Schloss Liechten- stein bei Mödling 1291 in den Besitz Ottos, aber Falke (I, S. 14 f.) bezweifelt die Umstände. 95
        

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