Goethe und das Haus Liechtenstein1 - das Thema hat schon länger die Gelehrten beschäftigt, wenn auch eher am Rande. Nun läßt sich angesichts der zahlreichen künstlerischen und literarischen Interessen des Fürstenhauses fast logisch folgern, daß seine Mitglieder geradezu zwangsläufig auf Goethe gestoßen sein müssen. In der Tat: schon 1764 bewunderte der junge Goethe anläßlich der Königswahl Josefs II. den Fürsten Josef Wenzel von Liechtenstein, die bedeutendste Gestalt des Hauses im 18. Jahrhundert: «Die würdige Persönlichkeit des Fürsten von Liechtenstein machte einen guten Eindruck.»2 Die eigentlichen Beziehungen setzten an einem zentralen Punkt der Biographie Goethes ein. Bekanntlich eilte vor fast genau 200 Jahren, im Herbst 1786, der Dichter ganz unverhofft nach Italien, weder seinen Landesherrn, den Herzog Karl August von Sachsen-Weimar, noch seine Freundin, die Frau von Stein, informierend.1 Goethe hatte vom 27. Juli bis zum 3. September 1786 zu seiner zweiten Kur in Karlsbad (Karlovy Vary) geweilt und war von dort, für seine Umgebung unver- mutet und doch wohl vorbereitet, nach Italien aufgebrochen.4 Er enteilte der höfischen Welt Weimars, den täglichen Geschäften und seinen komplizierten, zweifellos auch belastenden Beziehungen, brach auf zu neuen Impulsen künstlerischen Schaffens zu seiner, wie er sagte, «Wiedergeburt». Am 20. November kam Goethe in Rom an. Wir wissen, daß sich der Dichter damit einen alten Traum erfüllte, wie auch die Mutter, die Frau Rat, zu berichten weiß. Goethe brachte nach zwei Jahren Impressionen, Schriften und eine Fülle von Bekanntschaften nach Hause, die ihn oft lebenslang begleiteten. Dazu gehörte auch seine Beziehung zum Hause Liechtenstein. Vor allem einer betrachtete die italienische Reise Goethes mit größtem Mißtrauen: Kaiser Josef II. Denn Goethe reiste in einem höchst heiklen Moment der deutschen Geschichte. Kaiser Josef hatte nämlich gerade, 1785/86, die schwerste reichspolitische Niederlage seiner Alleinregierung erlitten; sein zweiter Anlauf zum Erwerb Bayerns durch Tausch war gescheitert, ein Anlauf, der die Reichsverfassung umgestürzt hätte.5 Sein Gegenspieler Friedrich der Große von Preußen hatte im Fürstenbund von 1786" das Reich gegen den Kaiser mobili- siert, hatte die reichsreformerischen Ideen kleinerer Reichsstände, zu denen auch der Herzog von Sachsen-Weimar7 gehörte, benützt und auf seine Mühlen geleitet, den Kaiser als Gegner der Reichsverfassung bloßgestellt, ihn politisch isoliert und so in eine hoffnungslose Defen- 41
        

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