UBERSETZUNG VORSTEHENDER VOLKSSAGE IN DIE SCHRIFTSPRACHE «Einer der ersten Bewohner Triesenbergs wohnte oberhalb Gukerbo- den, in der Weid, weshalb man ihn den Weidmann hiess. Dieser war sehr stark und auch recht fromm. Er ging jedoch nur selten in die Kirche, weil ihm der Weg von Gukerboden bis nach Triesen zu weit war. Denn zu damaliger Zeit hatten die Triesenberger noch keine eigene Pfarrkirche. Die Triesner verklagten aber diesen Mann bei ihrem Herrn Pfarrer, dass er eben höchst selten in die Kirche komme. Der Herr Pfarrer schickte hierauf einige Männer (zu) ihm herauf mit dem Auftrage, denselben zu ihm hinunter zu bringen, damit er ihm eine Zurechtwei- sung geben könne. Als diese Männer zu ihm in sein Haus kamen, grüsste er sie freundlich und holte sogleich in der einen Hand ein sehr grosses Geschirr voll Milch u. in der andern Hand einen sehr grossen Käs aus seinem Keller u. stellte ihnen beides zugleich auf den Tisch, indem er zu ihnen sprach: «Nun mögt ihr tapfer essen!» Während des Essens fragte er die Triesner: «Warum seid ihr eigentlich zu mir gekommen?» Die Triesner sagten: «Unser Herr Pfarrer hat uns herauf geschickt, um dich zu ihm hinunter zu holen. Jetzt möchtest du also freiwillig mitgehen.» Er aber antwortete: «Freilich, das will ich schon.» Er war sogleich bereit, u. sie machten sich auf den Weg. Unterwegs sagte er zu den Triesnern: «Ihr habt jeder einen grossen Stock, ich muss auch einen solchen haben.» Dann riss er eine Fichtenstange aus und schlug mit den Fäusten die Äste von derselben. Da machten die Triesner aber grosse Augen. Als sie in Triesen ankamen, gingen sie miteinander sogleich zum Herrn Pfarrer. Dieser sagte zum Weidmann, er sollte jetzt mit ihm in die Kirche kommen u. der hl. Messe beiwohnen. Nach der Messe solle er dann zu ihm kommen u. mit ihm zu Mittag speisen. Der Weidmann tat wie ihm gesagt worden. Nach der hl. Messe fragte ihn der Herr Pfarrer, wie es ihm nun in der Kirche gefallen habe. Der Weidmann antwor- tete: «Es hat mir alles recht gut gefallen, nur wundert es mich, was Sie mit jenem Knaben gehabt haben, den Sie in die Höhe hoben u. der so sehr blutete?» Auf diese Antwort dachte der Herr Pfarrer bei sich: «Dieser Mann ist wohl frömmer als ich und alle Triesner, denn er hat ja in der hl. Hostie den lebendigen Heiland gesehen, wie er am Kreuze sterbend für uns verblutete.» 283
        

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