Erzbergers Hauptgesprächspartner aus dem Haus Liechtenstein war zunächst Prinz Alois, der Thronfolger,42 der schwankte, aber deutlich zur Ablehnung neigte, sich jedoch nicht festlegen wollte und unmissverständlich durchblicken Hess, dass der eigentlich Massgeben- de in der Familie, auf den es letztlich ankomme, nicht er und auch nicht der regierende Fürst Johann II.,43 sondern dessen Bruder Franz44 sei. Der Kompromiss, den der Thronfolger beim Gespräch am Karfreitag (21. April) anbot, mag durchaus gut gemeint gewesen sein, er war aber völlig unrealistisch und grenzte ans Skurrile. Prinz Alois «schlage von>, berichtete Erzberger in den Vatikan, «dass das Fürstentum Liechtenstein geteilt werden sollte, und dass in dem einen Teil der Papst souveräner Herrscher werden könne. Dann behält das Haus Liechtenstein auch seine Souveränität».45 Der berühmte und einflussreiche Politiker Aloys Liechtenstein, bisweilen auch «roter Prinz» genannt, stand «dem Plan äusserst sympathisch gegenüber.46 Die alles entscheidende Unterhandlung fand am Ostersonntag, dem 23. April, statt. Das, was Erzberger in seinen diversen Gesprä- chen davor schon erfahren hatte, fand hier seine volle Bestätigung. Der regierende Fürst Johannes II. war nämlich zu einem Souveräni- tätsverzicht zugunsten des Hl. Stuhles im Sinne des Projektes tatsächlich bereit. Demzufolge erklärte er dem päpstlichen Unter- händler ohne Umschweife und diplomatische Floskeln, «dass er gern bereit sei, auf seine Souveränität zu verzichten». Damit stand das ganze Projekt so nahe an der Verwirklichung wie nie zuvor und danach. Allerdings hatte die Bereitschaft des regierenden Fürsten nur theoretische Bedeutung, denn er beeilte sich sofort, den vielsagenden und entscheidenden Satz anzufügen «... aber er darf nicht». Er Hess Erzberger auch nicht im unklaren, warum er nicht durfte, nämlich «mit Rücksicht auf die anderen Agnaten». Erzberger berichtete nach Rom, Fürst Johann habe auf ihn «den Eindruck eines schwachen, kranken Mannes» gemacht. Alles eher als schwach, sondern sehr bestimmt und kraftvoll war unmittelbar davor der Bruder des regierenden Fürsten, «die Seele des Widerstandes», Prinz Franz, dem päpstlichen Unterhändler gegenü- bergetreten. Die Entscheidung über das ganze Projekt, in das der Hl. Stuhl so viel Hoffnung gesetzt hatte, fiel in dieser Aussprache. Prinz Franz «verhielt sich ablehnend und hielt das ganze Projekt nicht für möglich». Der erfahrene Diplomat, der 1894 - 98 Österreichs 242
        

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