lieh aufgefunden worden war, wurde Santiago (Sankt Jakob) de Compostela neben Jerusalem und Rom das bedeutendste Pilgerzen- trum des Mittelalters.135 Unter dem Einfluss der Pilgerfahrten wurde der Hl. Jakobus d. Ä. seit dem 13. Jahrhundert statt im Apostelgewand mit Vorliebe in der Tracht des Pilgers wiedergegeben, und das noch in der Zeit des Barock, obwohl damals die Wallfahrten nach Santiago ihre alte Bedeutung eingebüsst hatten.136 So sieht man Jakobus d. Ä., der Wanderer genannt, auch am Grotenrather Altar in Pilgerkleidung. Er trägt Stiefel, Beinkleider, einen kurzen, bis an die Knie reichenden Rock mit Gürtel und einen Umhang mit Schultermäntelchen. Auf dem Schultermäntelchen ist vorne eine Muschel angebracht, ein individuelles Attribut des Apostels, das nur ihm eigen ist. Muscheln aus dem nahen Atlantik und ihre Nachbildungen aus Blei oder Silber wurden in Santiago den Pilgern verkauft, die sie als Abzeichen an Hut, Mantel oder Tasche hefteten. Dieses volkstümliche Zeichen der Wallfahrt übertrug man, wie schon die Pilgertracht, auf den Hl. Jakobus d. Ä. Anderen Darstellungen entsprechend hat auch Erasmus Kern den Apostel als einen Mann mittleren Alters mit dunklem Bart gestaltet. Auch wenn der Hl. Jakobus keine Attribute in den Händen trägt, so ist doch seine Körperhaltung ein beredtes Zeichen. Die predigende Gebärde weist ihn als den feurigsten Künder der Lehre Christi aus. Anregungen zur Darstellung dieses Heiligen mag Kern während seiner Lehrzeit in Überlingen in der dortigen St. Jodokskapelle bezogen haben. Die Kapelle beherbergt nämlich einen Bilderzyklus aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, der die Jakobslegende ausführlich schildert.137 Dies könnte eine Erklärung dafür sein, dass die Figur des 135 Dazu: Vera und Hellmut Hell. Die große Wallfahrt des Mittelalters. Kunst an den romanischen Pilgerstraßen durch Frankreich und Spanien nach Santiago de Compostela. 2. Aufl., Tübingen 1973. 136 Zur Ikonographie des Hl. Jakobus d. Ä.: Heinrich Detzel (N 107), Bd. 2, S. 135 - 142; Karl Künstle (N 125), Bd. 2, S. 316 - 324; Joseph Braun (N 107), Sp. 346 - 349, 784 f. u. 798; Horst Appuhn, Einführung in die Ikonographie der mittelalterlichen Kunst in Deutschland, Darmstadt 1979, S. 112 f. 137 Siehe: Karl Künstle (N 125), S. 321 f. 65
        

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