Grundlegend ist nun die einheitliche und architektonisch straffere Durchgestaltung des Aufbaus. Das Höhenstreben weicht einem Bemühen um dimensionale Ausgeglichenheit. Die Fülle figürlicher Plastik lichtet, die Silhouette beruhigt sich. Das Mittelstück - nicht mehr Relief oder Figurengruppe, sondern ein Gemälde. Man ver- sucht, den Altaraufbau in die ihn umgebende Architektur einzubet- ten. Dabei bleibt dieser aber an eine gerade Fläche gebunden, anders als in Italien, wo er sich durch das Einbiegen der rechten und linken Seite zur Nische rundet und damit in den polygonal oder halbkreis- förmig abgeschlossenen Altarraum einfügt.98 Diese frühbarocke Altarentwicklung in Süddeutschland offenbarte der ehemalige Hochaltar der Münchener Liebfrauenkirche von Heinrich Schön (1620), «eine Initialschöpfung der Hochaltarkunst des süddeutschen Barock».99 Durch die gotisierende Restaurierung des Doms ist der Altar heute leider nicht mehr vorhanden. Die Frauen- kirche bewahrt nur noch das riesige Tafelbild mit der Darstellung «Mariä Himmelfahrt» von Pieter de Witte, genannt Candid (1620), welches der Altarbaukunst des süddeutschen Barock ihr Thema gegeben hat.100 Das barocke Streben nach grösserer Einheitlichkeit, das in diesem Altar einen ersten Ausdruck fand, kennzeichnet auch den von Philipp Dirr 1623 - 1625 geschaffenen Hochaltar im 97 Zitat: Hans Möhle (N 62), S. 78. Ebenso: Georg Weise, Vorwort, in: Helimut Hell, Melchior Binder. Ein Ehinger Bildhauer der Zeit der Gegenreformation, Tübingen 1952, S. 3. - Möhle spricht von «barocker Gotik». Siehe: Hans Möhle (N 62), S. 70. Dies allerdings bezweifelt: Claus Zoege von Manteuffel (N 58). S. 98. 98 Zu dieser Altarentwicklung: Rainer Laun (N 93), S.92 ff. zusammenfassend S. 186; Richard Zürcher, Die kunstgeschichtliche Entwicklung an süddeutschen Barockaltären, in: Albert Knoepfli u. a. (Hrsg.), Der Altar des 18. Jahrhunderts. Das Kunstwerk in seiner Bedeutung und als denkmalpflegerische Aufgabe, München-Berlin 1978, S. 56; Gudrun Rotter (N 95), S. 42 ff. 99 Zitat: Norbert Lieb, Münchens Kirchen, in: Norbert Lieb/Heinz Jürgen Sauermost (Hrsg.). Münchens Kirchen, München 1973, S. 25. 100 So: Norbert Lieb, München. Die Geschichte seiner Kunst. München 1971. S. 112. Wohl auch: Hugo Schnell, Die Darstellung von «Mariä Himmelfahrt» im süddeutschen Barock, in: Das Münster, 4. Jahrg. 1951, S. 32. Näheres zu dem Gemälde: Norbert Knopp. Die Frauenkirche zu München und St. Peter, Stuttgart 1970, S. 94 f. (mit Abbildung). 46
        

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