den kulturellen und künstlerischen Kreisen der Stadt. Bei Egon Rheinbergers ersten Gehversuchen auf grossstädtischem Pflaster war sie ihm eine fürsorgliche Begleiterin und feinsinnige Ratgeberin. Sie besorgte ihm bei der Familie eines gewissen Lehrers Otto Lohr einen Wohnplatz, wo er auch die täglichen Mahlzeiten einnehmen konnte und Anschluss an die Familie hatte. Im kleinbürgerlichen Milieu dieser frommen Familie fand der sechzehnjährige Egon Geborgenheit und Halt. Rheinberger lebte bei Lohrs mit fünf gleichaltrigen Studenten zusammen. Einer von ihnen war der Neffe des Domkapell- meisters Stehle von St. Gallen. Durch des jungen Egons Briefe sowie durch jene seiner Tante an die Eltern und Schwestern in Vaduz erhalten wir Einblick in seine neue Umgebung und seine beginnende künstlerische Ausbildung. Im Oktober 1886 trat Rheinberger in die graphisch-plastische Abteilung der Gewerblichen Fortbildungsschule in München ein, um dort einen halbjährigen Vorbereitungskurs für die Aufnahme in die Kunstgewerbeschule zu besuchen. Kurz nach Eintritt in diese Schule berichtete die Tante in einem Brief nach Hause:'«Soeben komme ich von der Zeichenschule zurück, wo ich, nachdem ich den Herrn Direktor Gräff nicht in seinem Arbeitszim- mergefunden, denselben in den grossen Zeichensälen aufsuchte ... er rief laut den Namen Rheinberger, und da erschien Meister Egon mit freundlichem Gesicht. Ich ging dann zu seinem Zeichnungsplatz, der gutes Licht hat, und fand ihn an der Kopie eines Flachreliefs arbeitend: Arabesken mit zwei kleinen Pferdeköpfen, was er recht ordentlich zu kopieren schien ...» Im gleichen Schreiben heisst es« ... Ich will versuchen, ihn schon am Samstag mit einem jungen Bildhauer aus Elsass bekanntzumachen, welcher versprach, sich seiner anzunehmen.» Bei dem Bildhauer handelt es sich um keinen Geringeren als um Heinrich Wadere. Heinrich Wadere (1865 - 1950)2 kam 1884 aus dem Elsass nach München, um an der Kunstakademie Bildhauerei zu studieren. Er übernahm später an der Kunstgewerbe- schule eine Lehrtätigkeit. Im Hause von Josef und Fanny Rheinberger dürfte er ein gern gesehener Gast gewesen sein. Für den jungen, aufstrebenden Künstler bedeuteten die Besuche im Hause des 1 J Rh A 2 Thieme-Becker 109
        

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