Die Gemeinde erhielt auch laufend Zuzug aus Tirol, wo bereits eine unerbittliche Täuferverfolgung eingesetzt hatte. In Gruppen von bis zu neunzig Personen strömten die Flüchtlinge nach Austerlitz«9. Das gab aber auch Schwierigkeiten: Mit andern Köpfen kamen andere Gedanken. Alles sollte gleichzeitig verwirklicht werden: Die Organisation von Leben und Arbeit in den Gemeinschaftssiedlungen, die Aufnahme von Flüchlingen, durch deren Zustrom sich die Ge- meinde innerhalb dreier Jahre auf etwa zweitausend Erwachsene ver- dreifachte70, nach anderen Angaben sogar auf über dreitausend anstieg71. Differenzen entstanden anfangs gerade wegen der Praxis des Gemein- schaftslebens: Es gab Leute, die nicht alles Eigentum ablieferten, andere, die für sich besseres Essen, schönere Kleidung und grössere Häuser beanspruchten, mit der Verteilung der Güter nicht einverstan- den waren72 — doch «diese Schwierigkeiten sind sehr verständlich, da in dieser täuferischen Gemeinschaft radikal von allem Eigentum Ab- schied genommen wurde. Diese Forderung konnte nicht von allen Menschen erfüllt werden, denn in ihrer Erziehung und ihrem bisherigen Leben war das Privateigentum eine der wesentlichsten Grundtatsachen gewesen Im Grunde muss man sich sogar wundern, dass es nicht häufiger zu grösseren Schwierigkeiten wegen des Eigentums kam»73. In dieser Situation erwies sich der Mann als Retter der Bewegung, dessen Name bis heute mit ihr verbunden ist: Jakob Huter, nach dem sich diese Richtung der Täufer «Hutterer» (in Nordamerika «Hutte- rites») nennt.74 Huter war einer der wichtigsten Männer der Tiroler Täufergemeinde Ende der Zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts. Als Kaiser Karl der V. beschloss, die ständig wachsende Bewegung in Tirol auszulöschen, Anfang 1528 ein Mandat gegen sie erliess und am 23. April 1529 in Speyer einen Reichstagsbeschluss durchsetzen konnte, durch den Zugehörigkeit zu einer Täufergemeinde mit dem Tode be- straft werden musste, galt es, die Tiroler Täufer durch Flucht zu retten. 69 Zieglschmid, Ste 91. 70 Plümper, Ste 43. 71 Beck, Ste 69, A 2. 72 Plümper, Ste 44. 73 Plümper, Ste 48. 74 Beck, Ste 123. 140
        

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